Zwischen Wüste und Wirklichkeit

Der Spaß kam bei der Konzertreise des Magdeburger Knabenchors nach Katar auf der arabischen Halbinsel nicht zu kurz.
Foto: Knabenchor

Im April war der Knabenchor Magdeburg auf großer Konzertreise. Die fast 35 Jungen und jungen Männer flogen zu einem Gastchor nach Doha, der Hauptstadt der arabischen Halbinsel Katar. Der Magdeburger Knabenchor unter der Leitung von Frank Satzky zählt zu den renommierten Gesangsensembles Sachsen-Anhalts und freut sich immer auf interessierte Nachwuchssänger. Hier schildert der Sänger Peter-Maximilian Schmidt seine Eindrücke.

Als ich einige Stunden nach unserer Ankunft am extravaganten Flughafen in Doha endlich im Gastzimmer meiner Gastgeber liege – inzwischen ist es vier Uhr morgens – dringt ein angenehmes, fremdes  Raunen durch die Wände. Als ich das Fenster öffne, zieht die Magie dieses Ortes zusammen mit der nächtlichen Hitze herein: Einige Meter unterhalb des Fensters blühen Rosengewächse. Im blassen Schein der Straßenleuchten wirkt die schlichte, beige Färbung der verwinkelten, und zugleich offen gebauten Nachbarhäuser fremdartig. Ein Vogel auf meinem Fensterbrett flattert fort, und plötzlich wird das Raunen von vorhin deutlicher: Drei Muezzine ringen lautstark um die Vorherrschaft beim Ruf zum Morgengebet. Und dabei verzaubern sie diese Stadt Doha, die am östlichen Zipfel der arabischen Halbinsel, gerade einmal sechs Flugstunden entfernt, mit dem Gefühl orientalischer Magie.

Der dann anbrechende Tag sollte schnell Aufschluss geben über den Ort, an dem wir unterkamen. Nach der Vorbereitung auf die Konzerte, dem Notensortieren und Üben, lud uns unsere Gastmutter, die zwei von uns beherbergte, ein, den ersten (freien) Tag am Schwimmbecken zu verbringen. In der Tat, wir befanden uns in der mit Stacheldrahtzäunen umschlungenen Wohnsiedlung der amerikanischen Botschaft, in deren Zentrum sich ein an typisch amerikanischem Luxus kaum zu übertreffendes Klubhaus mit allerlei Beschäftigungsmöglichkeiten befand. Es vermittelte den verstörend-selbstverständlichen Alltag einer amerikanischen Vorstadtsiedlung, umgeben von karger Steinwüste. Nichts mit orientalischer Magie.

Berittene Polizisten in der Altstadt von Doha.
Foto: Thomas Uhlemann/dpa

Am Pool begegneten wir Leuten, jung und alt, die dort viel Zeit zu verbringen schienen, am Beckenrand dösten oder sich über die neuesten Zu- oder Auszügler und den neuesten Klatsch und Tratsch unterhielten. „Man bleibt hier nicht länger als eine Handvoll Jahre“, heißt es hier. Die beste Karikatur des amerikanischen Vorstadtlebens fand sich so mitten in der Wüste. Da durfte auch der improvisierte Limonadenstand der jungen Mädchen, die über einen Fremden überglücklich schienen, nicht fehlen. Auf die Frage, ob sie Doha vermissen würden, ernte ich energisches Kopfschütteln. Sie sind hier aufgewachsen. Doch sie meinen auch, sie verließen ihre Siedlung im Grunde nie.

Am Abend ging es dann zum Essen mit Freunden der Gastmutter, die anderswo ebenfalls in einer solchen Siedlung leben. Und so entschloss man sich, ein jemenitisches Restaurant zu besuchen. Die Ironie, dass Katar den Jemen gerade bombardiert, entging dabei auch den Gastgebern nicht. Überhaupt liegt hier vieles offen zutage, zumindest sofern man kein FIFA-Funktionär ist.
Entsprechend werden neben wunderbar exotischen Speisen auch die geschmacklosesten Themen aufgetischt. Von den vor malaysischen und philippinischen Hausmädchen überquellenden Frauengefängnissen, deren Vergehen einzig in der „Verführung“ ihres Arbeitgebers besteht, und die nach der Geburt des ungewollten Kindes dafür verhaftet werden, ist die Rede, oder von den bei über 50 Grad Hitze zwölf Stunden Sand schaufelnden Wanderarbeitern aus Nepal, die sich Mittags unter den Schatten eines Straßenschildes zwängen und „wie die Fliegen sterben“, wie eine Dame am Tisch lakonisch bemerkt, bis zu den Frauen- und Kinderecken im hinteren Teil unseres Restaurants.
Beim Essen müssen die Frauen nämlich ihren Schleier lüften, was man den übrigen männlichen Gästen natürlich nicht zumuten kann.

Auf dem anschließenden Heimweg gab es noch einen Ausflug in die „Education-City“, den international ausgerichteten, aus Zweigstellen amerikanischer Universitäten bestehenden, Großcampus von Katar. Und der hat es in sich. Ein unvergleichlich schöner, mit kühnsten Entwürfen international renommierter Architekten gespickter, mit kühlender Luft durchwehter klimatisierter Park, zusammen mit den angrenzenden Reitställen des Emirs. So wandelt man dort unter Sandsteinbögen irgendwo zwischen orientalischem Basar und Bauhaus-Stil. Auch dort herrscht Magie, doch sie ist künstlich errichtet und nicht gewachsen. Hier endete ein Tag, der uns wie zur Linderung des teils überwältigenden, teils erschreckenden und gespaltenen Eindrucks von dieser Stadt im wohlig klimatisierten Chevrolet wieder in die sichere „amerikanische Vorstadt“ führte.

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