„Die Stunde“ wurde zu einer Sternstunde

Ensemble.
Foto: Nilz Böhme

Es ist ein Theaterstück, in dem fast zwei Stunden lang kein Wort gesprochen wird. Und doch werden so viele Geschichten erzählt, dass es nicht möglich ist, sie alle auf wenigen Seiten aufzuschreiben. Die Premiere von Peter Handkes Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“ war eine Sternstunde für das Magdeburger Schauspielhaus.

Der Platz des Geschehens ist die Welt, in der sich Menschen bewegen. Solche Plätze gibt es überall auf der Erde. Da sind Alte und Junge, eilige Geschäftsleute mit dem Handy, Verliebte, Sportler, Spaziergänger, Fremde in einer fremdelnden Umgebung, kurz: Menschen, wie wir sie jeden Tag treffen: irgendwo, irgendwann, irgendwie.
Bewegung ist alles. Wer stehenbleibt, stört. Er wird zum Hindernis. Und wer innehält, ist ein Außenseiter. Geschäftiges Eilen ist der Treibstoff des Erfolges, des Vergnügens und der Zerstreuung. Nur nicht anhalten!

In Peter Handkes Theaterstück „Die Stunde, da wir nichts voreinander wußten“ macht dieses geschäftige Treiben zum Prinzip. In kurzer Folge eilen Personen über die Bühne, verschwinden in den Kulissen, tauchen irgendwo wieder auf, um erneut über die Bühne zu laufen. Was eingangs chaotisch wirkt, weil die 16 Schauspieler und 16 Statisten immer wieder in anderen oder veränderten Kostümen mit neuen Requisiten auftauchen und verschwinden, formt sich Stück für Stück zu beeindruckenden Bildern. Allmählich entwickelt sich das Laufen, Schreiten, Spazieren, Rennen und Marschieren zu Momentaufnahmen einer Realität, die wir so noch nie bewusst wahrgenommen haben, weil wir stets Teil der Bewegung waren. Peter Handke zwingt die Zuschauer aber in die Rolle des Beobachters, in dem er unsere Eile und Geschäftigkeit als Realität auf die Bühne stellt.

Das polarisiert, löst Zustimmung oder Ablehnung aus, noch dazu, wo durch die Vielfalt der Charaktere und ihrer Darstellung niemand an der Wiedererkennung des eigenen Ichs vorbeikommt. Keine gesellschaftliche Macht, ob Kirche,Wirtschaft oder Militär, kein herausragendes Ereignis der Weltgeschichte, wird in den oft nur Sekunden dauernden Bildern ausgelassen. Man wird ohne Chance auf Widerstand hineingezogen in diesen Sog: Schnell, schneller, noch schneller!

350 verschiedene Rollen mit Orten voller Geschichten und Begegnungen, permanente Wechsel von Bildern mit vermutlich doppelt so vielen Kostümen, sechs Ankleidehelfer hinter der Bühne, unzählige Requisiten, die im richtigen Moment am richtigen Ort sein müssen, damit das Bühnengeschehen in seiner Vielfalt immer wieder neu ist. Das ist eine fast unglaubliche Leistung der 32 Darsteller, die mit einer ausgefeilten Choreografie dem Chaos eine Ordnung geben. Die komplizierte Puzzlearbeit, aus der Vielzahl der Ereignisfacetten ein Gesamtkunstwerk zu formen, hatten Regisseurin Cornelia Crombholz und  Choreograf Davis Williams übernommen. Und wie sie das gemacht haben, war einfach begeisternd.

Wann immer die eilende Hektik der Bilder und Ereignisse fast schmerzhaft wurde, folgte das „Einfrieren“ der stetigen Veränderung durch Bewegung, oder die Szenerie verringerte sich auf Zeitlupentempo. Durch diese abrupten Unterschiede, die nicht nur höchste Konzentration, sondern auch enorm anstrengende Darstellungskunst der Schauspieler erfordern, erschließt sich, ohne dass auch nur ein mahnendes Wort gesagt werden muss, dass die Eile und Geschäftigkeit oft nur Oberfläche ist. Das Wesen der Bewegung, nämlich Veränderung, wird nicht berührt. Umgekehrt ist die Entschleunigung für den modernen Menschen ein fast schmerzhafter Prozess.

In Handkes Stück wird das an der Endlosschlange von Menschen deutlich, die zu Ravels „Bolero“ in quälender Langsamkeit von einem Bühnenende zum anderen zieht. Fast sehnt man sich das Ende der in einer Reihe mit immer neuen Kostümen und Requisiten im Zeitlupentempo schreitenden Menschen herbei. Häufig tragen sie Koffer oder Stühle als Sinnbild von Entwurzelten, die ihr letztes Hab und Gut schultern, um sich woanders hin zu bewegen. Das ist nur eines der Sinnbilder, die zu höchst aktuellen Geschehnissen ohne Worte, aber dafür um so eindringlicher, Stellung nehmen. Nicht anders ist es mit dem Kriegsgeschehen, bei dem Soldaten in verschiedenen Uniformen alle gemeinsam eines bewirken, dass nämlich Schutz suchende Menschen fliehen.

Es sind mit die stärksten Momente in einem Stück, das ohne Worte auskommt und trotzdem atemberaubende Spannung erzeugt. Auf den Krieg folgt die große Kälte, die schließlich alle auf der Bühne zur Bewegungslosigkeit erstarren lässt. Der Kreis der Allegorie von Handkes Werk schließt sich: Die immer größere Eile und Geschäftigkeit der Menschheit führt letztlich zu ihrer völligen Bewegungslosigkeit, dem Tod. Doch auch hier gibt es in „Die Stunde, da wir nichts voreinander wußten“ einen Neuanfang. Die Menschen werden wieder zu dem, woraus sie einst hervorgingen: Affen. Nur ein kleines Mädchen, das einen leuchtenden Globus hinter sich herzieht,vermittelt auch ohne Worte die Erkenntnis, dass sich die Welt weiterdrehen wird.

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