Die Treppe hinauf, die hinabführt

Die Weltwirtschaft befindet sich in einem ungeahnten Umbruch. Wachstum heißt das Zauberwort, dass Wirtschaftswissenschaftler seit jeher wie eine heilige Kuh behandeln. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat aber selbst hier ein allmähliches Umdenken eingesetzt. In den universitären Zentren der Wirtschaftswissenschaften in den USA, in Großbritannien, aber auch in Deutschland wird allmählich klar, dass ein neues Denken erforderlich ist, wenn die Herausforderungen der weltwirtschaftlichen Zukunft bewältigt werden sollen. In einer losen Folge beschäftigt sich aspekt mit diesen Fragen.

Die Nachricht Nummer 1 kam recht unspektakulär daher, dennoch besitzt sie brisante Sprengkraft. China hat Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht verdrängt. An der Spitze liegen nach wie vor die USA, aber deren Wirtschaftskraft steht auf tönernen Füßen. Gigantische Staatsverschuldung, stockender Binnenmarktkonsum, Finanzkrise, Kriegskosten und eine Unzahl ungelöster innenpolitischer Probleme drücken den Staatshaushalt. Hinzu kommt ein riesiger Exportüberschuss der Chinesen gegenüber den USA, der den Wirtschafts- und Finanzexperten dort die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.
Würden die Chinesen ihre Überschüsse in Dollars einfordern, wären die USA pleite. China besitzt mit 2,45 Billionen US-Dollar die weltgrößten Devisenreserven und  ist der größte Kreditgeber der hoch verschuldeten USA. In China werden bereits heute mehr Autos verkauft als in den Vereinigten Staaten von Amerika, und das Potenzial für Wachstum ist extrem hoch. Vergleicht man die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung Chinas mit der Japans oder den USA, so beträgt sie für 1,3 Milliarden Chinesen gerade mal ein Zehntel.

So ist es kein Wunder, dass mit immer mehr Nachdruck die Forderung laut wird, den Yuan, die chinesische Währung, aufzuwerten. Der Vorwurf lautet, dass die chinesischen Machthaber den Yuan künstlich niedrig hielten, um den eigenen Export anzukurbeln. Eine Aufwertung, und das dürfte der Hauptgrund Amerikas sein, würde andrerseits die Außenwirtschaftsschulden drastisch senken. Nun hat sich auch Europa eingeschaltet und macht ebenfalls Druck auf die Chinesen zur Währungsaufwertung, denn auch hier wird weit mehr aus dem Land der Mitte importiert als exportiert. Jetzt hat China reagiert und eine leichte Aufwertung vorgenommen. Offenbar wollen die Machthaber dort keine Eskalation. In den letzten zwei Jahren wurde der Yuan um 16 Prozent aufgewertet. Nach Meinung von Experten ist das aber viel zu wenig. Das Argument aus China lautet allerdings, dass höhere Aufwertungen die Wirtschaft und den Export „abwürgen“ würden.

Und da greift die Nachricht 2. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang, denn erst vor wenigen Wochen hat China Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Made in Germany war und ist ein Garant dafür, dass Deutschland immer mit einem gigantischen Außenhandelsüberschuss gegenüber seinen Handelspartnern eine starke Position hatte. Das Volumen des chinesischen Exportumsatzes sagt aber nichts über die Struktur der Exportwaren. Hochtechnologie und Knowhow kommen nach wie vor aus Europa und insbesondere aus Deutschland, während aus China vor allem Billigprodukte den europäischen Markt überschwemmen.

Jahrelang hatte sich Deutschland in der Rolle des Exportweltmeisters gesonnt und war sichtlich stolz darauf. Die Frage, ob diese Rolle insgesamt auch wirklich vorteilhaft ist, wurde nicht gestellt. Solange der Finanzmarkt einigermaßen funktionstüchtig war, musste man sich diese Frage auch nicht stellen. Doch mit der Krise, die vor fast zwei Jahren richtig zum Ausbruch kam und nach wie vor anhält, kam das Dilemma ans Tageslicht. Wenn eine Volkswirtschaft, die importiert, die Güter nicht mehr bezahlen kann, dann muss in Form von Krediten das Geld zum Kauf gleich mitgeliefert werden. Und genau so passierte es auch. Dort, wo die Exportgüter produziert wurden, also in Deutschland, war Geld in Hülle und Fülle vorhanden. Also nahmen die Staaten, die die Waren kaufen wollten, hier auch die Kredite auf. Die Banken gewährten diese freizügig, denn allgemein hieß es, dass Staaten nicht pleite gehen könnten. Das erwies sich in jüngster Vergangenheit als gewaltige Fehleinschätzung.

In unübersehbaren Mengen wurden Waren und Geld exportiert, obwohl völlig klar war, dass Letzteres niemals zurückfließen würde. Also noch mehr Kredite, noch mehr fiktives Geld zum Kauf. Auf diese Weise alimentiert ein Exportweltmeister gleich eine ganze Reihe von Staaten bei Strafe des eigenen Untergangs. Täte er es nicht, dann wäre kein Export mehr möglich. Das allerdings wäre für eine Volkswirtschaft, die mehr produziert, als ihr Binnenmarkt aufnehmen kann, das Ende.

Große Staaten, wie China, Indien oder die USA können mit einem riesigen Binnenmarkt einiges auffangen. Ein relativ kleines Land wie Deutschland ist dazu nicht in der Lage, weshalb von hier auch immer wieder Impulse für die europäische Einigung ausgingen. Deutschland braucht Europa wirtschaftsstrategisch mehr als Europa Deutschland. Das änderte sich schlagartig, als die europäischen Staaten, die zynisch als PIGS (engl. Schweine, die Abkürzung steht für Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) bezeichnet werden, auf dem Finanzmarkt keine Kredite mehr bekamen. Deutschland als einer der größten Waffenexporteure der Welt hatte beispielsweise einen Auftrag für U-Boote für die griechische Marine. Der Auftrag drohte zu platzen, was aber fatale Folgen für die beteiligten deutschen Unternehmen gehabt hätte, samt bedrohten Arbeitsplätzen, Firmenschließungen…

Da blieb nichts anderes, als den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und das Geld gleich mitzuliefern. Auch das war ein Grund, weshalb Deutschland bei der ersten Tranche von 29 Milliarden Euro mit ganz vorn in der Reihe der Befürworter stand. Das hat sich in den letzten Tagen geändert. Nachdem Griechenland absehbar den Rückzahlungsplan nicht einhalten kann, wollen der Internationale Währungsfonds und die EU eine Zahlungsverlängerung. Die Bundesregierung hat einen Vorstoß von Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission für längere Laufzeiten der Hilfskredite für Griechenland abgewehrt. „Es gibt keinen Grund, den Rückzahlungsplan zu verändern“, sagte ein Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Angeblich, so Griechenland und EU, steht das Thema gar nicht zur Debatte. Intern weiß die Fachwelt, dass auf der Arbeitsebene die Szenarien längst durchgespielt sind.

Griechenland hat seit vielen Jahren rund zehn Prozent des eigenen Bruttosozialproduktes an ausländischen Krediten aufgenommen. Eine Tilgung wäre nur bei einem Exportüberschuss möglich. Das bedeutet aber, dass Deutschland seinen Export zurückfahren oder aber die Gläubigerländer ihren Export drastisch steigern müssten. Damit ist kurzfristig nicht zu rechnen, so dass die gigantischen Summen einschließlich der aktuellen Hilfssummen wohl abgeschrieben werden müssen. Die Exportgüter, die dafür entstanden, wurden also verschenkt.

Auch künftig muss Deutschland bei Strafe seines Unterganges in der Spitzengruppe der Exportnationen mitspielen. Alles andere wäre für die Volkswirtschaft eine Katastrophe. Es gibt also keine Alternative zum Wachstum, selbst wenn das in den Abgrund führt.

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