Geschlossen wegen Betriebsaufgabe

„Arbeit will keiner kaufen“, der Handwerksmeister, der das sagt, will namentlich nicht genannt werden. Aber sein Frust kommt nicht von ungefähr. Da hat er nun jahrelang schwer gearbeitet, eine Tischlerwerkstatt auf die Beine gestellt, die technisch bestens ausgerüstet ist,  die Zahl der Aufträge ist kaum zu schaffen, so dick ist das Auftragsbuch gefüllt. Wo ist also das Problem?

 

Ganz einfach. Der Firmeninhaber geht auf die 70 zu. Er hat das Unternehmen von seinem Vater übernommen, aber seine Kinder wollen es nicht haben. Sie zogen ein Studium vor, haben inzwischen lukrative Stellen gefunden. Da ist so ein Betrieb, den man nun mal nicht mit acht Stunden Arbeit am Tage führen kann, der außerdem auch noch eine Fülle von Risiken birgt, nicht interessant. Was soll nun aus dem Unternehmen werden, wenn der ungenannte Handwerksmeister eines Tages nicht mehr kann oder will, oder, was man nicht hoffen will, eine Krankheit ihn von der Hobelbank – die längst einem 3-D-Automaten gewichen ist –  wegholt. Dann wird wohl ein Schild am Tor hängen: Geschlossen wegen Betriebsaufgabe.

Im Handwerk im Kammerbezirk Magdeburg sind derzeit 12 785 Betriebe eingetragen, etwa ein Prozent weniger als im Vorjahr. Hinter der scheinbar  harmlosen Prozentzahl verbirgt sich ein dramatisches Geschehen, denn ein Prozent, das sind immerhin fast 128 Betriebe, die ihre Leistungen im Handwerk nicht mehr anbieten. Im günstigsten Fall wurden sie von einem anderen Handwerksbetrieb übernommen, im ungünstigen Fall haben sie ihre Arbeit einfach eingestellt.

Natürlich werden auch neue Betriebe gegründet, aber ihre Zahl kann die verlorenen Unternehmen nicht ersetzen. Deshalb legt die Handwerkskammer Magdeburg, ebenso wie die Handwerkskammer Halle/Dessau, die Industrie- und Handelskammern und viele andere Einrichtungen ihr Hauptaugenmerk auch auf die Firmennachfolge.

Der Rückgang der Betriebszahlen hat einerseits demografische Ursachen, ist aber auch dadurch begründet, dass einige Unternehmer, insbesondere Solo-Selbständige, nun bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben. 2016 erwirtschaftete das Handwerk im Kammerbezirk Magdeburg einen Umsatz von etwa 6,6 Milliarden Euro und beschäftigte schätzungsweise 69 000 Mitarbeiter. Die Prognosen deuten auf eine weitere Steigerung des Umsatzes hin. Doch was wird mit den Mitarbeitern in den Betrieben, die aufgeben?
Handwerk hat wieder goldenen Boden, auch wenn die Preise noch längst nicht mit den exzellenten Umsatzzahlen Schritt halten können. „Die hervorragende Stimmung im Handwerk wird vor allem durch die gute Arbeitsmarktlage und die hohe Konsumfreude der Verbraucher getragen. Die guten Erwartungen lassen darauf hoffen, dass die Lage stabil bleiben wird“, sagte Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer.

Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, und Anja Gildemeister, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, prüfen vor der Konjunkturpressekonferenz die Zahlen und Daten. Das Handwerk im nördlichen Kammerbezirk Sachsen-Anhalts ist bestens aufgestellt, die Auftragsbücher sind voll, aber der Fachkräftemangel und die Firmennachfolge bereiten Sorgen.
Foto: HWK MD

Eine besonders gute Lage zeigt sich nach wie vor im Ausbauhandwerk. 80 Prozent der Betriebe beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage als gut. Auch im Bauhaupthandwerk zeigt sich eine hervorragende Stimmung: Hier schätzen 74 Prozent ihre Lage als gut ein. „Die Bauhandwerker, zu denen mehr als die Hälfte unserer Betriebe gehören, sind die Zugpferde der Konjunktur. Sie profitieren von der hohen Bau- und Sanierungsnachfrage und den niedrigen Zinsen“, so Grupe.
Die durchschnittliche Auslastung der Betriebe verzeichnet einen Höchststand: Sie liegt mit 85 Prozent über dem Vorjahreswert und damit weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Fast ein Drittel der befragten Handwerksbetriebe ist bis zu 100 Prozent ausgelastet.

Die Betriebe arbeiten an den Kapazitätsgrenzen und sind zunehmend mit einem Mangel an Fachkräften konfrontiert. Es ist festzustellen, dass sie in starken Auftragslagen mit dem Beschäftigungsaufbau nicht hinterherkommen. „Der Fachkräftemangel wird die Konjunktur ausbremsen, wenn wir nicht gegensteuern“, so der Hauptgeschäftsführer. Mehr Menschen müssten für Handwerksberufe und für das Unternehmertum im Handwerk begeistert werden. „Mit der Meistergründungsprämie für Sachsen-Anhalt hat die Politik ein positives Signal gesetzt. Wir brauchen mehr davon. Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss gesetzliche und finanzielle Realität werden“, so Burghard Grupe.

Die Meistergründungsprämie ist so ein Instrument, mit dem man die Unternehmensnachfolge ankurbeln will. Immerhin 10 000 Euro bekommt ein Meister, wenn er einen neuen Handwerksbetrieb gründet, ganz gleich, ob er ihn kauft, neu gründet oder in anderer Form übernimmt. Die Nachfrage ist inzwischen groß, reicht aber noch immer nicht, um die Abgänge aufzufangen.

Hinzu kommt, dass die Lage in den Handwerksbetrieben nur eine Seite ist, auch mittelständische Industriebetriebe sind von der Entwicklung betroffen. Häufig sind die Inhaber aus der Generation, die zur Wende die Chance ergriffen hat, das Unternehmen, das sie seit vielen Jahren kannten, zu übernehmen. Dieser Gründerboom der damals 30 bis 40jährigen hat nicht immer, aber doch recht häufig gesunde und rentable mittelständische Unternehmen hervorgebracht. Doch auch hier sind die Inhaber inzwischen 60 bis 70 Jahre alt. Und nicht nur die Fachkräfte fehlen ihnen heute sehr oft, sondern auch die Nachfolgeregelung ist häufig nicht geklärt. Das kann fatale Folgen haben, denn damit stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel. Und nicht immer kann garantiert werden, dass diese von anderen Unternehmen aufgefangen werden.

Das Problem wird sich nicht von selbst lösen. Der Generationswechsel verlangt Persönlichkeiten, die das Geschick, die Kenntnisse und den Willen zum unternehmerischen Risiko mitbringen. Solche Nachfolger zu finden, wenn sie nicht in der eigenen Familie herangewachsen sind, ist alles andere als einfach. Mit Kampagnen allein wird es nicht funktionieren.

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