Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz.
Foto: Nilz Böhme

Ende Mai vorigen Jahres tobte im Magdeburger Schauspielhaus der Wilde Osten; besser: Das Festival „Wilder Osten. Ereignis Ukraine“ fand statt. 26 Veranstaltungen in vier Tagen und alle fast vollständig ausverkauft. Es war ein Theater-Marathon, aber gleichzeitig auch ein Fest der Sinne, des Kennenlernens und des Verstehens.
Ein knappes Jahr später ist die Ukraine wieder ein Thema im Schauspielhaus der Elbestadt. aspekt wollte deshalb von  Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz und Dramaturgin Laura Busch wissen: Was ist so spannend am „Wilden Osten“?

Cornelia Crombholz: Es ist die junge und freie Theaterszene, die sich dort entwickelt. Unverbraucht, ohne Besitzstände, nur den eigenen Ideen, ihren Träumen verpflichtet, dazu auch noch sehr politisch, mit einem Blick auf die ungeheuerlichen Ereignisse im eigenen Land, auf Krieg, Tod und Angst. Ebenso mit einem Blick nach Europa. Der Maidan ist nicht vergessen, auch nicht die Opfer.

aspekt: Neben der jungen Theaterszene gibt es ja auch noch das traditionelle Theater?

Cornelia Crombholz: Das gibt es natürlich auch. Aber dort passiert nicht viel Neues. Man ist staatlich subventioniert, setzt auf bewährte Stücke, wie man sie wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten inszeniert. Da ist nichts Wildes, nur Althergebrachtes. Dort laufen die gleichen Stücke seit 30 Jahren in der gleichen Inszenierung. Damit wird Neues, Innovatives und Mutiges verhindert. Das ist auch nicht das, was mich interessiert hat, sondern die aufkommende freie Theaterszene, die sich aus diesen Strukturen zu befreien sucht, wollte ich nach Magdeburg holen zum Festival „Wilder Osten. Ereignis Ukraine“.

aspekt: Wie entstand die Idee zu diesem Festival?

Cornelia Crombholz: Die Idee existiert schon seit langem bei mir. Mit den Ereignissen in der Ukraine in den letzten Jahren wurde das alles plötzlich wieder ganz aktuell. Ich war mehrfach im Land, habe gesehen, wie junge Leute Theater ganz praktisch als Ausdrucksform ihrer Anliegen Visionen und Ziele nutzen, wie sie auf Hinterhöfen oder in Fabrikhallen pures Theater machen, das ohne Werbung oder Budget fast aus dem Nichts entsteht, und alle Plätze bis auf den letzten Mauerstein als Sitz besetzt sind. Das ist wie die Luft zum Atmen für einen Künstler.

aspekt:Um diese Erlebnisse zu teilen, haben Sie die Künstler dieser Szene nach Magdeburg geholt. Nicht ganz ohne Schwierigkeiten…

Dramaturgin Laura Busch.
Foto: Angelina Drews

Laura Busch: Ja, denn man trifft erst einmal auf eine Menge behördlicher Schwierigkeiten, wie zum Beispiel die Visabeschaffung für einen Arbeitsaufenthalt. Dann auf Mehrkosten für Dolmetscher und Reisekosten. Einiges davon durfte ich bewältigen und war heilfroh, dass wir die Unterstützung des Auswärtigen Amtes der Bundesregierung hatten, ebenso wie die der Kloster Bergesche Stiftung. Darüber hinaus auch die tausend kleinen Dinge des täglichen Lebens bis hin zu einer gemeinsamen Probenarbeit mit den Schauspielern unseres Ensembles. Da treffen mitunter Welten aufeinander, die man irgendwie in Übereinstimmung bringen muss.

Cornelia Crombholz: Die Ukraine ist so nah, doch eigentlich wissen wir kaum etwas vom wirklichen Leben dort, außer, was man im Fernsehen sieht. Sobald man selbst intensive Kontakte knüpft, merkt man schnell, dass es sehr unterschiedliche Kulturen gibt. Es ist ein Unterschied, ob eine Gesellschaft beim Übergang in ein anderes politisches System in eine ausgefeilte Struktur überführt wird, oder ob sie sich selbst finden und alle Konflikte mit- und untereinander austragen muss.
Die jungen Autoren und Schauspieler haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Chance an den etablierten, oft verstaubten Theatern. Wir geben ihnen die Möglichkeit hier in unserem Haus. Das kostet zwar viel Kraft, aber es mobilisiert ebenso viel Energie und Motivation bei uns im Ensemble. Sonst wäre das alles gar nicht zu schaffen.

aspekt: Die deutschsprachigen Erstaufführungen von Dostojewskis „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“ oder  „Das Mädchen mit den Streichhölzern“, vor wenigen Tagen, jeweils in der Regie von Vlad Troitsky, hatten auch  eine wichtige politische Botschaft…

Cornelia Crombholz:…die aktueller kaum sein kann, geht es doch auch um Macht und Machtmissbrauch. Das von Troitsky 1994  in der Ukraine gegründete Dakh-Theater gilt als eines der wichtigsten freien Theater des Landes, dessen Produktionen überall in der Welt gefragt sind. Es ist also durchaus auch für uns ein Ereignis, so etwas auf unserer Bühne zu haben. Das besondere hierbei und auch schon beim Festival war, dass die ukrainischen Regisseure hier in Magdeburg gemeinsam mit dem Ensemble Inszenierungen erarbeitet haben. Das ist einmalig. Sonst findet man auf Festivals nur eingeladene Gastspiele.

aspekt: Aber künstlerischer Austausch ist keine Einbahnstraße?

Laura Busch: Auf keinen Fall. Im Gegenteil. Schließlich gibt es eine Menge gemeinsamer Ansätze. So ist Saporischschja eine Partnerstadt von Magdeburg. Es gibt ein deutsch-ukrainisches Theaterfestival, an dem wir uns beteiligen wollen. „Treffpunkt Saporischschja“ vom 27. bis 29. April.

aspekt: Was heißt beteiligen?

Cornelia Crombholz: Wir fahren mit der deutsch-ukrainischen Koproduktion „Warum überlebt Michailo Gurman nicht?“ und der Inszenierung „Werther!“ dort hin und zeigen szenische Lesungen. Außerdem werden wir in Workshops mit den ukrainischen Künstlern diskutieren, was Theater leisten kann, wie wir hier in Magdeburg Theater machen, welche Probleme und Lösungen wir haben.

Laura Busch: Immerhin gibt es in Saporischschja an der Universität 800 Studenten mit der Spezialisierung Deutsch. Das ist ein toller Anknüpfungspunkt für eine Uni-Theater-Kooperation.

aspekt: Der „Wilde Osten“ hört nicht an den Grenzen der Ukraine auf. Gibt es noch weiter reichende Pläne?

Cornelia Crombholz: Der Osten insgesamt ist künstlerisch ungeheuer interessant. Da gibt es keine Grenzen, politische oder andere Vorbehalte. Jedes Land hat in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umbrüchen, mit der Bewältigung von Konflikten, mit seiner Kultur und Geschichte, ganz spezifische Aspekte, die kennenzulernen sich lohnt. Darum geht es uns: Sich kennenzulernen, sich dadurch besser zu verstehen und den ungeheuren kulturellen Reichtum jedes Landes, ob nun ganz weit im Osten oder Südosten, zu erschließen. Und da gibt es noch jede Menge zu entdecken!