Warum muss ein Joghurt aus Süddeutschland in den Regalen eines Supermarktes an der Ostsee stehen, obwohl wenige Kilometer weiter ebenfalls Joghurt hergestellt wird? Was machen Äpfel aus China neben Äpfeln von Sachsen-Obst vom Süßen See?
Transporte zu Land, zu Wasser und in der Luft sind eine Herausforderung für Logistiker, auch und gerade bei Obst.

Die tägliche Versorgung von 82 Millionen Menschen in Deutschland mit Lebensmitteln erfordert ein komplexes Logistiknetz und stellt hohe Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Ernährungsindustrie und des Handels. Die Belieferung der Kunden muss schnell, sicher und pünktlich erfolgen. Um diese Aufgabe tagtäglich erfüllen zu können, nutzt die Ernährungsindustrie hoch spezialisierte und effizient organisierte logistische Systeme.
Im Jahr 2010 wurden Waren im Wert von rund 806,2 Milliarden Euro nach Deutschland importiert und für 959,5 Milliarden Euro exportiert. Das ist die Exportbilanz aller Waren und Dienstleistungen, die 2011 dann auch bereits die Billionenmarke überschritt.

Ein ganz kleiner Teil in diesem riesigen Paket sind Obst und Gemüse. Beliebte Sorten, wie Bananen oder Orangen, wachsen nicht in Deutschland. Dennoch möchte heute kaum jemand solche Früchte missen, ja sie werden häufig nicht mal als exotisch empfunden. Auch der Ertrag der einheimischen Früchte reicht nicht aus, um die Menschen das ganze Jahr über zu versorgen. Dennoch ist es für jeden Kunden ganz normal, Äpfel und anderes auch außerhalb der Saison essen zu können. Die Folge ist der Import großer Mengen an Obst.
Laut Deutschem Fruchthandelsverband (DFHV) wurden im Jahr 2010 in der Bundesrepublik pro Haushalt rund 82 Kilogramm frisches Obst gekauft. Das macht insgesamt nur bei Obst eine Menge von sieben Millionen Tonnen aus. Ganz nebenbei ist dann auch noch zu verzeichnen, dass der pro Kopf-Verbrauch an Obst seit 2004/2005 um 13 Kilogramm abgenommen hat. Die Deutschen essen weniger Obst, über die Gründe kann man nur spekulieren. Doch zurück zur Logistik.
Der wichtigste Transportweg für den Lebensmittelhandel innerhalb der EU-Länder ist der Straßenverkehr. Im Gegensatz dazu wird der Import aus anderen Ländern vorwiegend über Schiffs- und Flugwege bestritten. Kühl- und Containerschiffe dienen dem Transport von Obstsorten, die leichtverderblich sind. Sie besitzen entweder Container mit eigenem Kühlsystem (Integral Unit Container) und müssen mit Strom versorgt werden, oder sie werden mit Kühlluft über das schiffseigene Kühlsystem betrieben (Porthole Container). Eine dritte Variante ist die Verwendung der Container mit Controlled Atmosphere. Dabei wird durch Kühlung und Änderung der Atmosphäre die Haltbarkeit der transportierten Ware verlängert. Die Umweltbelastung ist bei diesen Verkehrsmitteln erheblich. Container- und Kühlschiffe fahren mit Schweröl. Somit gelangen Schadstoffe ins Meer und verursachen dauerhafte Verschmutzungen des Ökosystems. Diese wiederum haben direkte Auswirkungen auf den Nahrungskreislauf, weil sich Gifte in Algen, Plankton und letztendlich in den Fischen und im Wasser wiederfinden. Nicht nur die Umwelt wird dauerhaft geschädigt, sondern auch das Klima, denn bei Transporten über weite Entfernungen wird viel Kohlendioxid freigesetzt. Die Emission bei Obst, das mit dem Schiff aus Übersee kommt, beträgt 570 Gramm Kohlendioxid je Kilogramm. Im Vergleich: Der durchschnittliche Ausstoß an Kohlendioxid eines Mittelklassewagens liegt bei 120 Gramm je Kilometer. Der Transport von leichtverderblichen Waren, wie Fisch, Obst und Gemüse, findet zusätzlich über den Luftweg statt, denn Flugzeuge bieten Vorteile wie zeitliche und geografische Flexibilität, internationale Reichweite und hohe Zuverlässigkeit. Die Last liegt dabei auf den Schultern des Klimas, denn Flugzeuge verzeichnen eine Emission von 11 000 Gramm Kohlendioxid je Kilogramm. Obstsorten, die über den Luftweg zu uns finden, sind beispielsweise Erdbeeren aus Ägypten, Israel und Südafrika oder frische Guaven und Mangos aus Pakistan, Brasilien und Thailand.
Bereits anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich, dass eine funktionierende Infrastruktur und ausgefeilte logistische Systeme nicht nur ökonomisch vorteilhaft sind, sondern gleichzeitig dem Natur- und Umweltschutz dienen.
Bei diesem Argument wird manch einer aufstöhnen. Natürlich ist die Vermeidung jedes unnötigen Transportes der beste Umweltschutz. Und auch die Frage, ob man im Winter unbedingt Erdbeeren essen muss, ist berechtigt. Doch das sind Entscheidungen jedes Einzelnen und der Politik, bestimmt auch durch die Einstellungen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Logistiker haben die Aufgabe, die bestehenden Anforderungen „intelligent“ zu koordinieren.
Die Entwicklung innovativer und umweltfreundlicher Transport- und Lagermöglichkeiten ist unumgänglich. Maßnahmen zur Kohlendioxid-Reduzierung sind in der Logistik einerseits im Transportbereich, z.B. durch die Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsträger wie Schiene und Wasserstraße, Touren- und Laderaumoptimierung, Transportkooperationen und durch innovative Fahrzeugtechnik möglich. Es bieten sich für Logistikunternehmen aber auch vielfältige Potenziale in den Bereichen Lager, Materialfluss und Organisation. Durch die Einsparung von Verpackungsmaterial werden Ressourcen geschont und Transporte für die Entsorgung von Abfällen reduziert. Eine optimale Auslastung des Laderaumes bedeutet Einsparung von Fahrten und Kosten und damit auch von Kohlendioxid- Emissionen. Als erstes Unternehmen in Europa wird Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) CO2-Zertifikate für umweltfreundlichen Warentransport erhalten. Der Hausgerätehersteller hat sich zum Ziel gesetzt, einen Großteil seiner nationalen Gütertransporte von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Für die durch den Schienenverkehr eingesparten Kohlendioxidemissionen wird BSH Zertifikate erhalten.
Solche Zertifikate könnten auch beim Transport von Obst oder bei anderen Waren und Dienstleistungen ein Anreiz sein, durch die Optimierung von Transporten Kohlendioxid-Emissionen einzusparen. Noch besser als Optimierung ist allerdings die Transportvermeidung. Und genau an dieser Stelle kann jeder Einzelne seiner Verantwortung gerecht werden, wenn er statt der Äpfel aus China besser zur richtigen Jahreszeit welche aus heimischen Landen wählt. Dann wäre auch ein Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauches nicht nur ein Vorteil für die Umwelt, sondern auch für die eigene Gesundheit.