Die Idee stammt aus Amerika und wurde von einem Marktforschungsinstitut entwickelt. Schon 2012 hatte Robert J. Stokes im Magdeburger Wirtschaftsministerium, damals noch unter Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Brigitta Wolff, dort seine Entwicklung vorgestellt.

Die Medizinisch-technische Assistentin Anne-Katrin Baum (r.) befestigt in Magdeburg im Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovation und Technologie (ZENIT) auf dem Kopf von Ulrike Baum Elektroden eines drahtlosen EEG-Headset der Nielsen Tele Medical GmbH. Die Labore wurden am 11. August offiziell eingeweiht. Foto: Ronny Hartmann/ZB

Die Medizinisch-technische Assistentin Anne-Katrin Baum (r.) befestigt in Magdeburg im Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovation und Technologie (ZENIT) auf dem Kopf von Ulrike Baum Elektroden eines drahtlosen EEG-Headset der Nielsen Tele Medical GmbH. Die Labore wurden am 11. August offiziell eingeweiht. Foto: Ronny Hartmann/ZB

Ursprünglich diente das EEG-Headset mit seinen vielen Messpunkten der Marktforschung. Das amerikanische Unternehmen maß damit die Wirksamkeit von Werbung in Video-Clips oder auf Fotos. Mit dem Headset wurden die Gehirnströme beobachtet. Wer reagiert wie auf welche Reize? Das war die Fragestellung. Allerdings war sich Robert J. Stokes schon zu diesem Zeitpunkt sicher: Diese Art der Messungen eignet sich auch für die medizinische Anwendung. Schon damals war ebenfalls Professor Dr. Hans-Jochen Heinze, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie der Universität Magdeburg, mit im Boot und von der Idee begeistert. Doch bis zur Entwicklung des EEG-Headset, wie es jetzt in Magdeburg erprobt wird, war es noch ein weiter Weg.
„Data for good“ – das Motto der feierlichen Einweihung der Nielsen Tele Medical GmbH in Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg steht für den Einstieg der Nielsen Company in die Medizintechnikbranche. „Datenerhebung bekommt so eine völlig neue Dimension, zum Nutzen der Gesundheit der Menschen“, erläutert Robert J. Stokes, CEO der Nielsen Tele Medical GmbH. Stokes zeigte sich dankbar und beeindruckt, wie viele Menschen in Sachsen-Anhalt, in Europa und den USA dieses Projekt von der Vision bis zum heutigen Tag gemeinsam getragen haben.
Das weltweit einmalige drahtlose EEG-Headset hatte das Unternehmen mit den Neurologen der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke Universität weiterentwickelt und medizinisch erprobt. Stokes: „Das drahtlose Trockenelektroden-Headset erlaubt eine Beobachtung neurologischer Risikopatienten durch Messung der Hirnaktivität zu Hause. Die EEG-Daten werden drahtlos übertragen und erlauben dem Arzt, die Diagnose an einem andern Ort, beispielsweise in seiner Praxis, zu erstellen. Die Haube hat weitere Kanäle, mit denen Vitalfunktionen, wie zum Beispiel die Herzfrequenz, betrachtet werden können.“
Ein wenige Zukunftsmusik ist allerdings schon mit dabei. Denn, um alle Messdaten, die erhoben werden könnten, an einen Arzt zu übertragen, sind täglich etwa drei Gigabyte Datenmenge erforderlich. Das ist derzeit insbesondere in ländlichen Gegenden mit eher Schneckentempo-Internet kaum möglich. Deshalb müssen momentan die Daten noch mit einem Datenträger, beispielsweise einem USB-Stick, in die Praxis gebracht werden. Aber immerhin: Der Patient muss nicht stationär aufgenommen werden, die Überwachung erfolgt im normalen Lebensumfeld und das über 24 Stunden. Damit lassen sich Krankheitsbilder diagnostizieren, die selbst im Krankenhaus nicht immer entdeckt werden. Das bedeutet wesentlich bessere medizinische Versorgung bei gleichzeitig deutlich geringeren Kosten.
Beides ist für Sachsen-Anhalt, der Region, die wie kaum eine andere Region in Europa mit den Demografieauswirkungen kämpfen muss, enorm wichtig.
Professor Dr. Hans-Jochen Heinze, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie
der Universität Magdeburg, wies dann auch auf die gesellschaftliche und medizinische
Bedeutung hin: „Das EEG-Headset F1 liefert damit eine wichtige Lösung in Zeiten
medizinischer Versorgungsengpässe und steigender Kosten einer alternden und
zunehmend therapiebedürftigen Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass diese
Technologie eine erhebliche Verbesserung für die neurologische Diagnose und
Behandlung bringen wird, mit der wir nicht nur die Kosten der neurologischen
Diagnostik nachhaltig senken werden, sondern sogar neurologische Veränderungen im
Alltag des Patienten erkennen können, die in der Klinik oder Praxis gar nicht sichtbar
werden.“
Kein Wunder also, dass auch die Vertreter der Krankenkassen sich bei der feierlichen Eröffnung der Nielsen Tele Medical GmbH drängten.
„Es bedeutet viel für Sachsen-Anhalt, dass ein amerikanisches Unternehmen wie die
Nielsen-Gruppe sich für Magdeburg entschieden hat. Für uns ist das ein erneutes
Signal, wie wichtig erfolgreiche Forschungskooperationen zwischen Wissenschaft und
Wirtschaft für die Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze sind. Wir werden das
Unternehmen weiterhin mit all unserem zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nach
Kräften darin unterstützen, mit dem weltweit ersten drahtlosen EEG-Headset von
Magdeburg aus erfolgreich zu sein“, sagte Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff und
gratulierte so der Nielsen Tele Medical GmbH zur offiziellen Eröffnung ihres
Unternehmenssitzes im Magdeburger Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovation
und Technologie (ZENIT). „75 Medizintechnik-Unternehmen sind aktiv für den
Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft. Dahinter stehen rund 2200 Mitarbeiter.“
Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Dr. Lutz Trümper, hob die
Bedeutung der neurowissenschaftlichen Infrastruktur im Neuromedizin-Zentrum
Magdeburg hervor: „Die Verbindung von Otto-von-Guericke-Universität, Leibniz-Institut
und dem Gründerzentrum ZENIT ist eine wichtige Basis für diese Ansiedlung. Sie stellt
einmal mehr unter Beweis, wie wichtig gerade für Unternehmen, die aus
Forschungskooperationen hervorgehen, das ZENIT ist. Akademische und angewandte
Forschung bilden hier ein enges Netzwerk. So wächst eine Struktur, die Kompetenz
bündelt und dafür sorgt, dass neue Produkte dem Gesundheitsmarkt schnell zur
Verfügung stehen.“
Stokes kündigt gleichzeitig an, dass Nielsen Tele Medical noch im August mit der
Ausstellung des Medizinproduktezertifikats rechnet und mit der Produktion der ersten
Hauben für die Anwendungsbeobachtung Home²B+ der Universität Magdeburg
begonnen wird.“ Heinze ergänzte: „Die zweijährige Anwendungsbeobachtung Home²B+
mit dem drahtlosen EEG-Headset läuft unter der Federführung der Universitätsklinik für
Neurologie und des Instituts für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie der Otto-von-
Guericke Universität und wird durch das EFRE-Programm „Autonomie im Alter“
gefördert.“