Im Jahre 2009 verdiente ein Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt Brutto 16,56 Euro je Arbeitsstunde einschließlich Lohnsteuer und Sozialleistungen. Das entspricht einem Wochenlohn bei 40 Stunden von 662,40 Euro, bzw. je nach Länge des Monats 2400 bis 2500 Euro. Interessanterweise liegt der Stunden-Durchschnittslohn im verarbeitenden Gewerbe um exakt einen Euro höher. Damit werden also offenbar die hohen Einkommen nicht im Öffentlichen Dienst oder bei Dienstleistungen erzielt. Wo aber dann?

Der allgemeine Stunden-Durchschnittslohn liegt knapp unter dem ostdeutschen Wert (ohne Berlin 16,63 Euro), aber deutlich unter dem Durchschnitt der westdeutschen Länder (ohne Berlin 21,97 Euro). Das ist eine Differenz von mehr als vier Euro zwischen den Stundenlöhnen in Ost und West und damit ein entscheidender Grund für die permanente Abwanderung von Fachkräften. Eine Differenz von vier Euro summiert sich nämlich in einem Monat auf 640 Euro oder etwa ein Viertel des Einkommens. Das lässt sich auch nicht mit höheren Lebenshaltungskosten – was auch nur für Metropolen zutrifft – begründen.
Unter den ostdeutschen Bundesländern werden in Brandenburg mit 17,06 Euro die höchsten Bruttolöhne und -gehälter gezahlt. Das hat mit dem „Berlin-Effekt“ zu tun.
Die vorliegende Statistik basiert auf dem Wohnortprinzip. In Brandenburg wohnt eine Vielzahl von Pendlern, die in Berlin und insbesondere dem ehemaligen Westberlin arbeitet, wo höhere Löhne als im ehemaligen Ostberlin oder Brandenburg selbst gezahlt werden. Gerade in Berlin verläuft durch diese Regelung eine nicht sichtbare, aber dafür für die Betroffenen spürbare Mauer. Es ist keinem Arbeitnehmer zu erklären, weshalb er eine Straße weiter für dieselbe Arbeit ein Viertel weniger Lohn erhält.
Auch in Sachsen liegen die Verdienste mit 16,87 Euro geringfügig höher als in Sachsen-Anhalt.
In Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen werden hingegen geringere Löhne gezahlt als in Sachsen-Anhalt. Betrachtet man sich die Arbeitslosenstatistik in diesen Ländern, dann müsste gemäß der jahrelang verkündeten These, dass günstige Löhne ein Standortvorteil seien, hier die wenigsten Arbeitslosen sein. Das Gegenteil ist der Fall.
Trotzdem: Die Bruttolöhne und -gehälter in Sachsen-Anhalt sind unter allen Bundesländern seit 2000 am stärksten gestiegen – um 25,9 Prozent. Prima wird der eine oder andere sagen, aber er hat die Rechnung ohne den Fiskus gemacht. Knapp 26 Prozent in zehn Jahren? Das macht etwa 2,5 bis 2,6 Prozent pro Jahr. Und die Inflationsrate? Was bleibt von dem Anstieg?
Um das zu ermitteln, muss man ein wenig ausholen. Zuerst gilt es zu klären, was Inflation eigentlich ist, und wie hoch sie ausfällt. Fragt man auf der Straße, wie hoch die Inflationsrate in Deutschland sei, antworten fast alle: „So zwischen 1,5 und 3 Prozent pro Jahr“. Woher stammen diese Zahlen? „Aus den Fernsehnachrichten“, heißt es dann meist.
Wenn die Nachrichtensprecher die Zahlen verkünden, sprechen sie vom „Verbraucherpreisindex“. Gemeint ist der Index, der vom statistischen Bundesamt monatlich veröffentlicht wird und sich aus eine Reihe von Waren, dem sogenannten Warenkorb zusammensetzt. Dessen Preise werden regelmäßig verglichen, wobei selbst der Waren- und Dienstleistungsmix höchst umstritten ist. Hat das aber wirklich mit der Inflation zu tun? Mitnichten. Die tatsächliche Inflation zu ermitteln ist recht abstrakt und eignet sich nicht sehr gut für die öffentliche Darstellung. Es geht nämlich um dasVerhältnis des Wachstums der Geldmenge in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt. Und das genaue Wachstum der Geldmenge ist eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse, so dass man nur Näherungswerte weiß. Dieses Geldmengenwachstum wird als M3 bezeichnet, das Bruttoinlandsprodukt als BIP. Das Bruttoinlandsprodukt ist die Summe der innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellten und verbrauchten Waren und Dienstleistungen.
Die Formel M3 minus BIP ist ein einfaches und für jeden verständliches Verfahren, sich diesem Wert anzunähern. Da die benötigten Zahlen im Internet parat stehen, kann zudem jeder selbst die Ergebnisse nachvollziehen.
Zieht man vom Wachstum der Geldmenge (M3) das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ab kommt man zu folgenden Ergebnissen:
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Für Viele sind diese Zahlen neu. Auffällig ist die große Differenz zwischen der „wahren Inflation“ und dem Verbraucherpreisindex. Das ist auch der Grund dafür, dass es vielen vom Gefühl her scheint, dass trotz moderater Preissteigerungen das Leben immer teurer wird. Tasächlich liegt bei knapp 26 Prozent Lohnsteigerungen ein realer Geldwertverlust vor, wenngleich der reine Kaufkraftverlust geringer ausfällt.
Auffällig und ein Anzeichen einer fortschreitenden Angleichung an Ost- und Westlöhne ist, dass der durchschnittliche Anstieg in den ostdeutschen Ländern mit 24,5 Prozent rund zehn Prozentpunkte höher ausfiel als in Westdeutschland. Oder mit anderen Worten: Dank eines leicht gebremsten Geldwertverlustes im Osten gegenüber den alten Bundesländern, nähern sich Ost und West innerhalb der Verlustzone an. Trotzdem erreicht Sachsen-Anhalt erst 78,4 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts.
Wesentliche Unterschiede, sowohl in der Höhe der Bruttolöhne als auch in der Entwicklung seit 2000, sind zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen festzustellen.
Im Verarbeitenden Gewerbe wurden 2009 in Sachsen-Anhalt je Arbeitsstunde 17,56 Euro verdient. Damit liegt Sachsen-Anhalt geringfügig unter dem ostdeutschen Durchschnitt von 17,82 Euro, der durch Brandenburg und Sachsen nach oben „gezogen“ wird. Sachsen-Anhalt erreicht ein Niveau von 63,1 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts (27,81 Euro). Seit dem Jahr 2000 erhöhten sich die Verdienste im Land um 26,1 Prozent – damit war die Steigerung etwas niedriger als im ostdeutschen Durchschnitt (27,0 Prozent). Zwischen den ost- und westdeutschen Ländern war praktisch kein Unterschied im Anstieg der Bruttolöhne zu erkennen. Infolge des oben beschriebenen „Berlin-Effekts“ erreicht Brandenburg mit 70,1 Prozent eine wesentlich höhere Angleichung an das gesamtdeutsche Niveau.
In den Dienstleistungsbereichen in Sachsen-Anhalt werden im Durchschnitt 16,64 Euro je Ar-beitsstunde der Beschäftigten gezahlt. Hier erreicht Sachsen-Anhalt 84,7 Prozent des gesamtdeutschen Niveaus.
Öffentliche und Private Dienstleister erreichten 2009 bereits eine Angleichung auf 94,0 Prozent. Finanzierungs, Vermietungs- und Unternehmensdienstleister erhalten in Sachsen-Anhalt 15,84 Euro, in Hessen, dem Zentrum des deutschen Bankwesens, hingegen 27,98 Euro. Das allerdings liegt auch fast 30 Prozent über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Allerdings: Wer will es einem jungen Bankkaufmann verübeln, wenn es den angesichts von 13 Euro Differenz im Stundenlohn nach Frankfurt/Main zieht?
Die Höhe der Bruttolöhne wird (abgesehen von den Steuern und Sozialabgaben) maßgeblich durch (wirtschafts-) strukturelle Gegebenheiten bestimmt. Ein für ein Bundesland ausgewiesener Durchschnitt wird vor allem durch die grundlegenden Wirtschaftsstrukturen beeinflusst. Insbesondere variieren die Bruttolöhne auch nach den Betriebsgrößenklassen – je größer die Betriebe sind, desto höher fällt das Niveau der Löhne aus. Auch hier sieht es in Sachsen-Anhalt nicht gut aus, denn weit mehr als 90 Prozent der Unternehmen haben nicht einmal zehn Mitarbeiter. Auch die Unternehmensstrukturen, das Vorhandensein von Führungsfunktionen und Forschungsabteilungen in den Unternehmen, die die Qualifikationsstruktur der Belegschaft bestimmen, wirken sich auf die Höhe der Verdienste aus. Dies zeigt, dass nicht allein die Erhöhung der tariflichen Entgelte, sondern vor allem die Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur die Angleichung der Bruttolöhne und -gehälter in den ostdeutschen Ländern vorantreibt.