Schwester Patricia ist in Bebertal, Landkreis Börde, bekannt wie früher die Schwester Agnes. Nur das Moped Marke Schwalbe wurde gegen den Kleinwagen eingetauscht. Mit ihm fährt sie als Praxisassistentin im Auftrag von Hausärztin Karsta Scholz zu ihren Patienten nach Hause. Dort nimmt sie Blut ab, kontrolliert Wunden, misst den Zucker oder den Blutdruck und spricht sich mit den Pflegediensten ab. Alles was sie macht, macht sie eigenständig im Auftrag des Arztes.


Damit gehört sie zu den Teilnehmerinnen des Projektes „Zukunft Praxisassistenz“der fit-Bildungs GmbH in Magdeburg. Hintergrund des Projektes sind die Folgen der demographische Entwicklung – der Geburtenrückgang, die Abwanderung junger Menschen und die zunehmende Überalterung der Bevölkerung. Hinzukommt der Ärztemangel in ländlichen Regionen und die Überalterung der berufstätigen Ärzte. Ungefähr ein Drittel aller Hausärzte im Land sind 60 Jahre und älter – der Nachwuchs fehlt. Diese Prognose warnt vor einer zukünftigen Unterversorgung, insbesondere im hausärztlichen Sektor in ländlichen Gebieten. Zwar sinken die Einwohnerzahlen, doch der Behandlungsbedarf der Patienten steigt.
Mit der Zusatzqualifikation „Nichtärztliche Praxisassistentin“, wie sie Schwester Patricia hat, sollen Versorgungslücken abgefedert werden. Sie unterstützen Ärzte bei der Sicherstellung der medizinischen Versorgung.
Schwester Patricia selbst überlegte nicht lange, ob sie die Weiterbildung zur „Nichtärztlichen Praxisassistentin“ absolviert. „In der Praxis merken wir, dass viele Patienten den Weg zu uns nicht mehr schaffen. Hinzu kommen harte Winter, wie die letzten beiden. Wenn umgekehrt jemand aus dem Praxisteam losfährt, um Blut abzunehmen, bricht die Arbeit hier zusammen. Deshalb haben wir uns für eine Praxisassistentin entschieden, die hier im Bebertal auch viel genutzt wird.“ Inzwischen betreut Schwester Patricia 80 bis 100 Patienten im Umkreis von zehn bis 15 Kilometern..
Der Arbeitstag beginnt für Schwester Patricia immer einen Tag im Voraus. „Da werden die Patientenkarten gezogen, um zu sehen, was ich mitnehmen bzw. vorbereiten muss.“ Die Patienten mit Blutentnahmen werden zuerst angefahren, da die Blutproben bis Mittag im Labor sein müssen. Dann wird die zweite Runde mit Patienten abgefahren und so die Reihenfolge abgearbeitet.
„Zu meinen Aufgaben gehören die Blutentnahmen, die Medikamentenüberprüfung – ob die Medikamente richtig eingenommen werden, Blutdruckmessung oder Absprachen mit den Pflegediensten und Angehörigen“ so die Schwester. Sie hört sich aber auch die Sorgen von Patienten an, für die im Behandlungszimmer wenig Zeit bleibt. Das ist für die Patienten genauso wichtig, wie die medizinische Kontrolle.
Ganz nebenbei schätzt die Praxisassistentin, ob der Patient noch alleine in seiner Wohnung zurechtkommt, der Haushalt bewältigt wird. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird die Ärztin informiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht.
Praxisassistentin Patricia unterscheidet sich von der „normalen“ Schwester dadurch, dass sie die Arztpraxis gegen das Wohnzimmer der Patienten getauscht hat. „Manche Entscheidungen muss ich gleich treffen, wenn beispielsweise für das sofortige Eingreifen der Ärztin keine Möglichkeit besteht. Das war schon zweimal der Fall, als ich einen Rettungswagen anfordern musste.“
Das sind aber Ausnahmen. Wichtige Entscheidungen und Absprachen werden nicht ohne die Ärztin getroffen. Das Wissen darum gibt den Patienten die Sicherheit, dass die Behandlung immer in den Händen der Ärztin bleibt.
„Als ich anfing, habe ich den Patienten das Prinzip der Praxisassistentin erklärt. Ich war selber etwas skeptisch, wie es angenommen wird. Aber das war grundlos. Viele Patienten freuen sich, wenn ich als Praxisassistentin meine Besuche mache.

Mehr Zeit für und beim Hausbesuch

Das Projekt „Nichtärztliche Praxisassistentin“ der fit-Bildungs GmbH in Magdeburg läuft in diesem Monat nach zwei Jahren aus. aspekt sprach mit den Projektleitern Karen Schiller und Steffen Marzinkowski.

aspekt: Welche Erfahrungen haben sie im Rahmen des Projektes gesammelt?
Steffen Marzinkowski: Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf und den Ergebnissen des Projektes. Wir haben erfolgreich die in Hausarztpraxen tätigen Assistentinnen qualifiziert. Sie können nun ärztlich delegierbare Leistungen, wie den Routine-Hausbesuch, eigenständig durchführen.
Karen Schiller: Die Motivation, diese Zusatzqualifikation zu absolvieren, ging sowohl von den Ärzten, als auch von den Assistentinnen aus. Schön war zu beobachten, dass diejenigen, deren Begeisterung sich zu Beginn noch in Grenzen hielt, froh waren, die sechs Monate durchgehalten zu haben. Nicht nur das medizinische Wissen wurde erweitert, sondern auch viele persönliche Kontakte geknüpft, die heute noch bestehen.
aspekt: Was hat sich ihrer Meinung nach für die Arztpraxen in ländlichen Gebieten verändert?
Karen Schiller: Die Hausarztpraxen müssen in den ländlichen Gebieten viel länger aufrechterhalten werden, um die medizinische Versorgung zu sichern. Einige Ärzte der teilnehmenden Praxen waren bereits über 70 Jahre alt. Um den Berufsalltag in diesem Alter bewältigen zu können, ist ein gut geschultes medizinisches Personal wichtig, um Entlastung und Unterstützung zu gewährleisten.
Steffen Marzinkowski: Routine-Hausbesuche können mit auf die Praxisassistentinnen übertragen werden und auch die erste Koordination, ob ein Eingreifen des Arztes notwendig ist. In einigen Modellen, werden auch Nebenbetriebsstätten durch die Praxisassistentinnen betreut.
aspekt: Und welche Vorteile bringt das Modell der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten?
Steffen Marzinkowski: Die Arztpraxen können durch die Kompetenzerweiterung flexibler auf den Hausbesuch-Bedarf reagieren. Ob sich dadurch die medizinische Versorgung langfristig besser sichern lässt, kann zurzeit nicht wissenschaftlich belegt werden. Um erste Eindrücke auf die Reaktionen der Patienten zu sammeln, führt die EUMEDIAS-Heilberufe AG in Zusammenarbeit mit der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) eine Umfrage zur Patientenzufriedenheit durch. Mit ersten Ergebnissen ist Mitte Mai zu rechnen.
aspekt: Was ist ihrer Meinung nach für die Zukunft noch wichtig?
Karen Schiller: Für die Zukunft ist es wichtig, Strukturen zu schaffen, um die Praxisassistenz in die medizinische Versorgung zu integrieren und diese zu etablieren. Weiterhin sollten spezifisch auf diese Berufsgruppe ausgerichtete Bildungsangebote konzipiert und durchgeführt werden, um einen weiteren Informations- und Erfahrungsaustausch zu gewährleisten und die Praxisassistentinnen für die Versorgungsschwerpunkte der Praxen fit zu machen.