“Struwwelpeter” als Grusical – Learning By Burning

Wer kennt den „Struwwelpeter“ nicht? Aber wer kennt ihn wirklich? Das Grusical „Struwwelpeter“, im Originaltitel „Shockheaded Peter“, von Phelim McDermott und Julian Crouch nach der Musik von Martyn Jacques hatte im Magdeburger Schauspielhaus Premiere. Das Publikum war begeistert und feierte die Akteure, denn dieses Stück für Erwachsene ist in jeder Hinsicht ein wirkliches Theatererlebnis.

Struwwelpeter

Foto: Nilz Böhme

Der Struwwelpeter ist von der Sache her nicht geeignet, Lust auf Familienvergrößerung zu erzeugen. In dieser Inszenierung ist die Zielrichtung aber nicht das „unartige Kind“, sondern es hält den Eltern, und damit der Gesellschaft, einen Spiegel der Selbstreflexion vor das Gesicht, einen Spiegel, der zum Lachen wie zum Entsetzen verleitet, der mit grotesk-komischen Mitteln die so schwere Gratwanderung lachender Traurigkeit eines Zirkusclowns schafft.

Der „Struwwelpeter“ wird von Kindern geliebt, obwohl so hart mit ihnen umgegangen wird. Und Pädagogen bekommen das Grausen, wegen der Erziehungsmethoden. Die Verse haben in der Tat das Zeug zum Gruseln. Da werden Daumen abgeschnitten, Kinder verbrennen, weil sie unachtsam mit Feuer umgehen, oder verhungern, weil sie ihre Suppe verweigern. Man muss vermutlich Brite sein, um diesen Stoff zu einem Musical umzusetzen, in dem sich das Gruseln in „schwarzem Humor“ auflöst, in dem höchst subtil die „Verwerflichkeit der kleinen Monster“ ganz ohne „Zeigefinger“ als „Verderbtheit der Welt“ entlarvt wird. Doch sobald diesen ernste Hintergrund zu breiten Raum einnimmt, wird man mit einem lakonischen Satz, wie beim brennenden Paulinchen, „Learning by Burning“, wieder in die groteske Grusicalszenerie zurückgeholt.

Das Ganze ist unendlich phantasievoll und bunt von Regisseur Albrecht Hirche inszeniert und Kathrin Krumbein ausgestattet. Übertroffen wird es allenfalls noch von einer unbändigen Spielfreude der Akteure Iris Albrecht, Luise Audersch, Heide Kalisch, David Nadvornik, Andreas Guglielmetti, Jeremias Koschorz, Konstantin Marsch und dem schauspielernden Musiker Sven Springer. Sie alle spielen nicht nur, nein, sie verkörpern die Anarchie der kleinen Seelen auf der Suche nach der Ordnung ihres Lebens, nicht wissend, dass Ordnung nur ein Gefängnis der Anarchie ist.

Das Grusical „Struwwelpeter“ stellt gesanglich erhebliche Anforderungen. Die acht Akteure meistern diesen Part mit verblüffender Professionalität. Ganz gleich, ob sie einzeln oder als Band die überaus eingängigen Kompositionen interpretieren, zuweilen gar als A cappella-Chor agieren; sie verblüffen vor allem mit bei Schauspielern nicht immer erwarteter Perfektion.

Diese musikalische Inszenierung einer mehr oder minder pädagogischen literarischen Vorlage besitzt ungeheuer viele Nuancen, Anregungen zum Nachdenken, und bietet gleichzeitig köstliche Unterhaltung. Deshalb kann man nicht nur angehenden oder jungen Eltern raten, diese rasanten 75 Minuten Elternsprechstunde in Anspruch zu nehmen, sondern auch allen, die ein tatsächlich herausragendes Theatererlebnis erwarten. Es dürfte sich erfüllen.

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