Man hört sie nicht und man sieht sie nicht. Aber sie sind da, stets und ständig präsent hinter einer Tür. Zwei kleine Jungen sind dort, eingeschlossen von einer völlig überforderten jungen Mutter, sterben einen qualvollen Tod. Sie verdursten.
„Durst“ heißt das Theaterstück von Michael Kumpfmüller, ein Psychodrama, das kürzlich im Magdeburger Schauspielhaus Premiere hatte. Sechs Schauspieler, die bis auf die beiden Protagonistinnen in verschiedene Rollen schlüpfen und als zentrales Element eine Tür, die sich während der gesamten Vorstellung nicht öffnet. Man ahnt nur, was sich dahinter abspielt, während die völlig überforderte, vom Leben enttäuschte, unverstandene und allein gelassene Zwanzigjährige diesen Teil ihres Lebens einfach unterbricht, ausblendet, was sie belastet.

Michaela Winterstein, Luise Andersch

Sie liebt ihre Kinder über alles, aber ist selbst noch ein Kind auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Verständnis. Doch sie findet nur Oberflächlichkeit, Forderungen, Unverständnis und den Ruf nach Pflichterfüllung.
Und genau darin steckt die Dramatik, die Jan Jochymski als Regisseur und Dag Kemser als Dramaturg beinahe körperlich fühlbar mit diesem ständigen Ruf „Mama“ verdeutlichen. Der ist am Anfang des Theaterstücks allgegenwärtig, trteibt die Aktionen, um dann später zu verstummen. Wohl jeder, der schon mal Kinder aufgezogen hat, kennt wohl dieses Gefühl, nicht mehr zu können, überfordert zu sein, durch Schlafentzug und Streit nervös und gereizt zu reagieren. Allzu menschlich, meint man. Doch damit befindet man sich genau auf dem Scheideweg zwischen dem Verlangen aufzugeben, die Pflicht auszublenden, sich einfach mal die Ohren zuzuhalten und nicht immer dieses „Mama“ ertragen zu müssen. Natürlich gehen die meisten Eltern einen anderen Weg als die junge Frau in „Durst“. Sie halten das aus, sie besinnen sich auf ihre Verantwortung zu funktionieren. Manchmal schlagen sie dann ihre Kinder, aber sie lassen sie nicht verdursten. Beides ist inakzeptabel.
Die junge Frau, sie hat bewusst keinen Namen, denn sie steht für viele junge Mütter, wird von zwei Schauspielerinnen als eine Person im beständigen Dialog dargestellt. Sie ist einmal das Mädchen, das selbst noch ein Kind ist, und einmal die Frau, mit den Pflichten, der Verantwortung, der Mahnung. Durch diesen Kunstgriff wird die seelische Zerrissenheit überdeutlich. Michaela Winterstein spielt die Frau, Luise Audersch das Mädchen in der Frau. Luise Audersch, Jahrgang 1988, frisch von der Schausspielschule in Frankfurt am Main, ist die eigentliche Entdeckung des Abends. Es ist fast unmöglich, nicht mit ihr mitzufühlen, den seelischen wie den körperlichen Schmerz zu spüren, die Hilflosigkeit, die Ängste und die Träume zu erleben. Selbst als das Stück zu Ende ist, die Zuschauer vor Ergriffenheit kaum zu klatschen wagen und es dann doch mit Begeisterung tun, sieht man ihr noch diese Angst an, die sich erst allmählich löst, als sie zusammen mit dem hervorragenden Konstantin Marsch, Iris Albrecht, Heide Kalisch und Silvio Hildebrandt immer wieder auf die Bühne muss, um den verdienten Beifall entgegen zu nehmen. Ja, es ist ein Erfolg, an dem sie maßgeblichen Beitrag hat.
Dieses Psychodrama verursacht Gänsehaut und hinterlässt beim Zuschauer traurige Hilflosigkeit. Lösungen bietet es nicht, und das kann es auch nicht. Leben geben ist leicht. Leben zu erhalten, es zu entwickeln, ist außerordentlich anstrengend. Die gesellschaftliche Realität zeigt, dass diese Anstrengung immer häufiger nicht mehr bewältigt wird.