Über eins sind sich alle Energieexperten einig: Die von der Bundesregierung beschlossene Energiewende ist eine Jahrhundert-Herausforderung. Dafür gibt es kein Beispiel in der Welt, und niemand weiß, ob dieser Salto Mortale wirklich gelingt.

Professor Henry Bergmann von der Hochschule Köthen ist ebenso wie sein Kollege Professor Wolfgang Gallas, ehemaliger technischer Geschäftsführer der envia Verteilnetz GmbH, davon überzeugt, dass diese Riesenaufgabe bewältigt werden kann, wenn entscheidende Voraussetzungen geschaffen werden. Die aber sind bislang nicht in Sicht.
Auf einer außerordentlich interessanten Vortrags- und Diskussionsrunde, die Energiemanager Uwe Karger für Geschäftskunden West – Westsachsen/Sachsen-Anhalt von enviaM im Magdeburger Herrenkrug-Hotel veranstaltete, warteten die Experten mit eine Fülle von Fakten und Details vor einem sach- und fachkundigen Publikum aus Unternehmen der Region auf.
„Regenerative Energie – Wie geht es weiter?“ Diese Frage stellt Professor Bergmann und machte erst einmal eine Bestandaufnahme. Deutschland benötigt über alles gerechnet etwa 600 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr. Ein mittleres Kraftwerk produziert etwa acht Milliarden Kilowattstunden jährlich. Allein daran wird deutlich, welche enormen Anstrengungen nötig sind, wenn mittelfristig 80 Prozent des deutschen Energiebedarfs aus regenerativen Quellen gedeckt werden soll.
Der Anteil der Kernkraft am Energiebedarf Deutschlands beträgt gerade mal 13 Prozent und wird damit bereits heute rein mengenmäßig durch Wind, Sonne, Biogas und Wasser erreicht.

Tatsache ist aber auch, dass der Energiebedarf nicht gleich bleibt, sondern steigt. Überall gibt es energieeffizientere Geräte für Haushalt und Gewerbe, aber deren Menge steigt schneller als die dadurch erzielten Einsparungen. Und so prognostiziert Professor Bergmann eine Verdopplung des Weltenergiebedarfs in den nächsten 50 Jahren. Daran haben die so genannten Schwellenstaaten, China oder Indien mit ihren enormen Wachstumsraten der Wirtschaft großen Anteil.
Betrachtet man die Zusammensetzung der 20 Prozent regenerativer Energie in Deutschland derzeit, dann hat die Stromerzeugung durch Wind mit riesigen Rotoren überall in der Landschaft den Hauptanteil. Aber Wind weht nun mal sehr unregelmäßig, so dass niemand genau vorhersagen kann, wann zuviel Windstrom erzeugt wird und wann zu wenig. Da aber eine gewisse, wie die Fachleute sagen, Grundlast erforderlich ist, um die Spannung im Netz konstant zu halten, bedarf es enormer Energiereserven, die bei einer anhaltenden Flaute dazugeschaltet werden können.
Deshalb ist die Energiewirtschaft eifrig dabei, so genannte Off-Shore-Windparks zu installieren, und zwar an Stellen, wo mit großer Sicherheit beständig ein kräftiges Lüftchen weht. Und das ist auf hoher See, meist 50 bis 70 Kilometer vor der Küste, damit der Blick zum Horizont für die Urlauber nicht behindert wird. Dies wiederum verschlingt enorme Summen für die Gründung der Windkraftwerke, für die Anschlussleitungen bis zum Festland und nicht zuletzt für die komplizierte Wartung bei Verschleiß durch Salz, Wind und Wellen.
Wäre denn theoretisch, alle regenerativen Energieformen miteinander kombiniert, eine hundertprozentige Stromversorgung möglich? Diese Frage stellte Professor Bergmann in den Raum.
Rechnet man, unabhängig von der Größe der Länder, zusammen, wer am meisten Strom aus Windenergie erzeugt, dann landet China schon heute auf Platz 1, gefolgt von den USA und auf Platz 3 kommt bereits Deutschland. Berücksichtigt man dann noch, dass beispielsweise Sachsen-Anhalt innerhalb der Bundesrepublik den Hauptanteil bei der Stromerzeugung aus Wind verbuchen kann, dann wird, bezogen auf die Größenverhältnisse der Gebiete, deutlich, dass diese Region Pilotcharakter für die ganze Welt besitzt. In Sachsen-Anhalt hat, was regenerative Energie angeht, die Zukunft schon begonnen.
Doch zurück aufs Meer: Allein in diesem Jahr entstehen 62 Windparks vor den Küsten. Nicht überall ist man dabei so rücksichtsvoll wie in Deutschland. Großbritannien beispielsweise setzt seine Windparks aus Kostengründen in das flache Wasser, direkt vor die Küstenlinie. Das spart Gründungskosten für die Fundamente und Anschlusskosten für die Leitungen.
23 000 Windräder mittlerer Leistung ersetzen fünf Großkraftwerke. Der Rest ist eine Rechenaufgabe. Mit 60 000 Fünf-Megawatt-Anlagen könnte man ganz Deutschland versorgen. Allerdings wäre dafür die Fläche eines Bundeslandes wie Sachsen-Anhalt erforderlich, auch auf dem Meer.
Die Photovoltaik ist derzeit die einfachste und kostengünstigste Form, Strom zu erzeugen.
Etwa 4000 Quadratkilometer Fläche aus Zellen der Photovoltaik würden reichen, um die gesamte Welt mit Strom zu versorgen. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich diese Quadratkilometer in Nordafrika befänden, um auch kontinuierlich Sonneneinstrahlung zu gewährleisten.
Bezogen auf Deutschland, wo die Sonne bekanntermaßen weit weniger intensiv scheint, benötigte man rund 12 000 Quadratkilometer Fläche mit Solarzellen, um das gesamte Land mit Strom zu versorgen. Wie gesagt, immer bezogen auf die Menge, nicht auf die Schwankungen in Spitzenzeiten oder in der Nacht. Trotz der riesigen Solarparks, die überall im Lande wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, besitzen wir derzeit etwa 400 belegte Quadratkilometer.
Hier gibt es also noch ein riesiges Potenzial, besonders wenn man davon ausgeht, ohne zusätzlichen Flächenverbrauch, zum Beispiel durch die intensive Nutzung von Dächern, weitere Reserven zu erschließen. Die Solarindustrie in Deutschland hat also trotz der bestehenden gegenwärtigen Schwierigkeiten mit ihren 150 000 Beschäftigten großes Zukunftspotenzial. Ob dann immer die Solarzellen in Deutschland produziert werden, ist wiederum eine Frage der Kosten.
Die Biomasse-Anlagen, die durch einen komplizierten Prozess (siehe Grafik) aus Ernteabfällen Bio-Gas erzeugen, sind ein wichtiger Faktor innerhalb der regenerativen Energien, denn sie erzeugen unabhängig von Wind oder Sonneneinstrahlung kontinuierlich Gas, das in die Netze eingespeist werden kann. Damit wiederum lassen sich Gasheiz-Kraftwerke betreiben, um Strom und Wärme zu erzeugen. In Deutschland sind Sachsen-Anhalt und Brandenburg führend auf diesem Gebiet. Mit maximal rund zehn Milliarden Kubikmeter Biogas sind sie schon heute in der Lage, vier Großkraftwerke zu ersetzen.
Die alles entscheidende Frage, ob und wie die Energiewende zu bewältigen ist, oder ob sie im wahrsten Sonn des Wortes zu einem Salto Mortale wird, sind die Speichermöglichkeiten der erzeugten Energie, um sie dann an das Netz abzugeben, wenn sie gebraucht wird. Das gelingt bei Bio-Gas bereits hervorragend, bei Batteriespeichern für Strom bedarf es vermutlich noch langer Entwicklungszeit. Um die Brennstoffzellen ist es in jüngster Zeit ruhig geworden. Licht am Ende des Tunnels verspricht das „erneuerbare Methan“, also der chemischen Umwandlung, wenn Stromspitzen vorhanden sind, die dann bei Bedarf wieder zur Stromerzeugung genutzt wird.
Die Lösungsansätze für die Energiewende fasst Professor Bergmann in drei Punkten zusammen:
1. Den Ausbau der regenerativen Energie im Sinne einer Harmonisierung verlangsamen.
2. Die Stromleitungsnetze konsequent und vor allem mit konzeptioneller Strategie vorantreiben.
3. Die Probleme der Speicherung von Energie lösen.

Professor Wolfgang Gallas ist Spezialist für Stromnetze. Viele Jahre hat er als technischer Geschäftsführer von Mitnetz, einem Tochterunternehmen von enviaM, tiefen Einblick in die Funktion des deutschen und europäischen Stromnetzes gehabt. Er bringt dann auch gleich das Konzept der Bundesregierung, die davon ausgeht, in Deutschland 90 Terrawattstunden Strom künftig einsparen zu können, ins Wanken.
Der Elektrizitätsbedarf habe sich dramatisch entwickelt, stellt er fest und ergänzt, dass sich dabei der Stromverbrauch vom Energiebedarf entkoppelt habe. Das Ziel, 20 Prozent aus erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2020 zu erreichen, sei in unserer Region schon im Vorjahr mit rund 50 Prozent weit übererfüllt gewesen. Das Leitungsnetz in Mitteldeutschland musste sich deshalb in den zurückliegenden Jahren schon enorm auf die kontinuierlich steigende Einspeisung einstellen. Bezogen auf den Durchschnitt in Deutschland, so Professor Gallas, sei man im Bereich Mitnetz bereits 20 Jahre voraus.
Jedes Jahr kommen in Sachsen-Anhalt rund 400 Megawatt an Windenergieerzeugung dazu. Die Photovoltaik eröffnet Parks, die so groß sind, dass man ihre Stromeinspeisung bei Volllast mit einer 120-Megawatt-Leitung nicht mehr wegbekommt. Und von den 4000 Kilometern Netzausbau vom Norden in den Süden, nach Bayern und Baden-Württemberg, seien gerade mal 100 Kilometer tatsächlich funktionsfähig.
Bei günstiger Witterung für die Stromerzeugung wisse man jetzt schon nicht mehr, wohin damit. Regelmäßig würde der Strom beispielsweise in das polnische Netz gedrückt, dass solchen Mengen aber nicht standhielte. Folglich baue man in Polen jetzt entlang der Grenze technische Anlagen, die dafür sorgen, dass nicht mehr als 1000 Megawatt fließen können.
Und über noch eins waren sich die Referenten auf der enviaM-Veranstaltung in Magdeburg einig: Der Strom wird teurer, und zwar deutlich.
Nachdem gesetzlich geregelt wurde, dass die Großindustrie und die Großverbraucher mit den Kosten nicht belastet werden dürfen, bleiben der private Sektor sowie die kleineren und mittleren Betriebe, die gerade kurz unterhalb der Grenze zum Großverbrauch liegen, die Gelackmeierten. Zusammen machen sie mit den Privathaushalten gerade mal ein Drittel des Gesamtverbrauchs aus. Und auf dieses Drittel werden die Erhöhungen der Strompreise umgelegt.
Die Rechnungen beider Referenten sind unterschiedlich, reichen von fünf bis 20 Cent je Kilowattstunde. Aber ohne konzentrierten Netzausbau und effektive Speicherlösungen, da sind sich die Fachleute einig, wird die Energiewende zum Salto Mortale. Es ist also höchste Zeit, sich um das Rettungsnetz zu kümmern, damit die Schäden beherrschbar und nicht zur Katastrophe werden.