Hilflosigkeit und Verzweiflung der Getriebenen

Eine Wagner-Premiere in Magdeburg ist immer ein gesellschaftliches Ereignis. Das war beim „Fliegenden Holländer“ Ende Januar im Opernhaus der Elbestadt nicht anders.

Timothy Richards (Erik), Liine Carlsson (Senta), Vladimir Baykov (Der Holländer) als Live- Projektion.
Foto: Andreas Lander/Theater Magdeburg

Regisseurin Vera Nemirova erklomm mit ihrer Inszenierung höchste künstlerische Ansprüche mühelos. Die renommierte Wagner-Spezialistin, die für ihr Wirken zahllose Preise erhielt, wurde in Bulgarien geboren und lebt seit 1982 in Deutschland. In Magdeburg ist sie keine Unbekannte, hat hier bereits 2005 Tschaikowskys „Eugen Onegin“, 2007 Verdis „Nabucco“ und ein Jahr später Mussorgskys „Boris Godunow“ in Szene gesetzt. Und nun den „Fliegenden Holländer“, der von den Zuschauern begeistert gefeiert wurde.

 

Eine unverzichtbare Säule für Wagner-Opern sind die mächtigen Chor-Sätze. Und da hat das Magdeburger Opernhaus einiges zu bieten. Unter der Leitung von Martin Wagner, mit dem großen romantischen Komponisten weder verwandt, noch verschwägert, hat sich der Magdeburger Opernchor in zahlreichen Inszenierungen immer wieder Lorbeeren verdient. Im „Fliegenden Holländer“ konnten die Sänger nun alles aufbieten, was in ihnen gesanglich und schauspielerisch steckt. Doch damit nicht genug. Sängergruppen waren unter den Zuschauern „versteckt“, die auf ein Zeichen hin aufsprangen, um gemeinsam mit dem Chor auf der Bühne gesanglich zu schmettern, was das Zeug hielt. Das brachte das raue Geschehen unter den Matrosen bis in die letzten Reihen und vermittelte den unmittelbaren Eindruck, Teil der Handlung zu sein. Ein Kunstgriff mit besonderer Wirkung!

 

Und dann waren da natürlich noch die Protagonisten des Stücks. Die Senta, als Gast mit der schwedischen Sopranistin Liine Carlsson besetzt, und Vladimir Baykov, ein unverwechselbarer Bassbariton als Holländer. Beide Namen sollte man sich merken, denn sie gaben in Magdeburg ihr Rollendebüt mit einer so unmittelbaren künstlerischen Wucht, dass ihnen die Herzen des Publikums aus dem Stand zuflogen. Die Senta in ihrem fast erlöserhaftem Wahn, durch Heirat und unbedingte Treue den so lange auf den Weltmeeren umherirrenden Holländer zu erlösen, bis eine Frau ihm auf sein Geisterschiff folgt, die genau diese Eigenschaften in sich birgt. Der unstete Holländer, in seiner ambivalenten Zerrissenheit zwischen Liebe, Eifersucht, Eigennutz und Größe war ein Erlebnis.

 

Knapp zehn Jahre nach Richard Wagners eher flüchtiger Bekanntschaft mit dem Magdeburger Theater als Kapellmeister war er wieder einmal auf der Flucht vor Gläubigern. Eine stürmische Schiffsreise, bei der die Barke fast in Seenot geriet, führte ihn von Riga nach London. Das muss ein bleibendes Erlebnis gewesen sein, dass ihn auf den Stoff der Geschichte des niederländischen Kapitäns Bernard Fokke brachte. Diesem gelang es nicht, so die Sage, das Kap der Guten Hoffnung zu umfahren. Er verfluchte Gott und die Kräfte der Natur, und war seither dazu verdammt, für immer mit seinem Geisterschiff auf den Weltmeeren zu kreuzen.

 

Diese Geschichte und das persönliche Erleben Richard Wagners fließen in das Libretto ein. Die Regisseurin Vera Nemirova hat beide Linien höchst sensibel aufgenommen, ohne die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Getriebenen besonders zu betonen. Aber genau das macht die Wirkung aus, lässt die Parallelen zu aktuellem Weltgeschehen um so deutlicher hervortreten, ohne sie auch nur einmal zu erwähnen.

 

Das wird durch die Bühne von Tom Musch in einer höchst ausdrucksvollen Minimalistik unterstrichen. Pression, Depression und gewaltvolle Ausbrüche mit großer Symbolik, zusammen mit der beständigen übergroßen Videopräsenz des Holländers, ergeben das Gefühl der permanenten Beobachtung, Überwachung. Und wieder ist die unausgesprochene Aktualität da.

 

Generalmusikdirektor Kimbo Ishii, der die Magdeburger Philharmonie schon seit 2010 leitet, aber erst einmal mit „Tristan und Isolde“ auf den Spuren Wagners wandelte, hatte die Musiker hervorragend auf die gewaltigen musikalischen Ausbrüche eingestellt und gleichzeitig mit viel Feingefühl für die leisen Töne versehen.

Bei der Uraufführung im Januar 1843 am Königlichen Hoftheater Dresden hatte der „Fliegende Holländer“ nur mäßigen Erfolg und wurde schon nach vier Aufführungen wieder vom Spielplan genommen. Das wäre mit dieser Inszenierung in Magdeburg nicht passiert.

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