Die Stationen der Moskauer Metro sind durch ihre teilweise sehr anspruchsvolle Architektur bekannt. Die Moskauer Metro selbst transportiert täglich bis zu neun Millionen Fahrgästen. Damit gehört sie zu den am stärksten in Anspruch genommenen U-Bahnen der Welt. Aber wie sieht es im Rest des riesigen Landes, in russischen Städten ohne Metro aus? Ein Verkehrsbericht von den Straßen 200 Kilometer östlich von Moskau.

Einen Fahrplan sucht man hier vergeblich! Das war mein erstes Problem, als ich angekommen war. Die Stadt mit ihren 350 000 Einwohnern gehört nicht zur typischen Provinz. Es gibt zwar keine Metro, dafür umso mehr Linienbusse. Die Busse sind zum Teil von den deutschen städtischen Verkehrsbetrieben ausrangierte Fahrzeuge. Da sie recht zahlreich sind, fahren sie in sehr kurzen Abständen. – In zu kurzen Abständen. Die sind nämlich die Ursache für ein tägliches Busrennen auf den Straßen.

Das nächste Problem bestand für mich darin, die Aufschriften bzw. Routen zu entziffern, denn die Busse waren genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen waren. Nur ich stand immer noch da. Nach einer reichlichen halben Stunde und etlichen weitere Bussen, fasste ich den Mut, endlich einzusteigen.

Als ich den Bus betrat, machte sich ein vertrautes Gefühl in mir breit. Der Bus gehörte einst den Dresdner Verkehrsbetrieben. Sämtliche Aufschriften waren noch auf Deutsch. Während ich den Dresdner Routenplan anschaute, tippte mir jemand auf die Schulter und sprach mich auf Russisch an. Es war die Kassiererin, die durch den Bus ging. Sie verkaufte die Tickets. Dabei bewunderte ich sie für ihr Standvermögen bei der kurven- und temporeichen Fahrt.

Plötzlich hörte ich Leute durch den Bus schimpfen. Der Fahrer hielt an einer Bushaltesstelle nicht, weil er gerade einen anderen Bus überholte. Sinn des Überholens war, zuerst an der nächsten Haltestelle zu sein, um die meisten Fahrgäste und damit Umsatz zu bekommen. Dafür müssen dann eben die Aussteigenden eine Haltestelle weiter fahren und dann laufen.

Ich schaute aus dem Busfenster. Neben uns quälte sich gerade ein Trolley-Bus die Straße lang. Diese Busse haben wie Straßenbahnen elektrische Oberleitungen. Sie sind billiger als die Linienbusse, aber auch um einiges langsamer. Aufgrund ihres bemerkenswerten Alters ist die Fahrt eine Zitterpartie, ob sie das Ziel erreichen. Bei diesen Bussen sowie bei einigen Ladas und Wolgas war mir eins klar: sie sind zu alt, um jetzt noch zusammen zu fallen.

Während ich den Trolley-Bus beobachtete, schimpfte eine ältere Frau laut los. Jemand war nicht aufgestanden, als eine Frau mit einem kleinen Kind einstieg. Das waren die Dinge, die normalerweise wunderbar funktionierten: Mütter mit Kindern und Älteren wird ein Platz angeboten. Bemerkenswert dabei ist, dass die Mutter mit Kind Vorrang hat. So kann es möglich sein, das ein Rentner einer jungen Frau mit Kind den Platz anbietet.

Als ich aussteigen wollte, hielt der Bus nicht richtig an, sondern rollte langsam weiter. Er hatte wahrscheinlich keine Zeit, um richtig zu halten. Allerdings könnten einfach nur die Bremsen kaputt gewesen sein. Wie auch immer. Ich merkte schnell, dass es hier eine andere Vorstellung von Ordnung und Sicherheit im Straßenverkehr gab. Wichtig ist nur, schneller und stärker als alle Anderen zu sein.