Nie hätte ich gedacht, dass Einkaufen für mich mal ein Problem sein könnte. Zwei Flaschen Wasser und ein Brot sind eigentlich keine große Herausforderung. Also zog ich los ohne zu ahnen, was auf mich zukommt.

Bereits der Eintritt in das typische russische Lebensmittelgeschäft erinnerte von der Warenpräsentation an die früheren Konsum-Geschäfte der DDR. Die Verkäuferinnen in Kittelschürzen warteten gelangweilt hinter den Tresen. Obwohl alles zu einem Geschäft gehörte, gab es verschiedene Waren nur bei verschiedenen Verkäuferinnen. Bei der einen Verkäuferin gab es nur Brot, für Wasser musste ich eine andere „belästigen“.

Also versuchte ich mein Glück am Brot-Stand.
Zwei Kunden standen vor mir. Nach 20 Minuten mit einer Verkäuferin in geübten „Keine-Lust-Bewegungen“ war ich endlich an der Reihe. Wie bei meinen Vorgängern, sah sie auch mich mit einem abweisenden Blick an. Sie fragte unmissverständlich: „Was!“, gerade so, als hätte ich sie eben angerempelt. Mit meinen paar Brocken Russisch stammelte ich: „Ein Brot, bitte“. Sie verstand mich nicht und murmelte irgendetwas. Ich versuchte es ein zweites, drittes und viertes Mal. Irgendetwas musste die Verkäuferin doch verstanden haben.  Sie zeigte mir völlig genervt ein weißes und ein braunes Brot. Ich tippte auf das braune Brot. Doch damit nicht genug. Ich hatte die pädagogische Ader der Verkäuferin getroffen. Also musste ich klar und deutlich „braunes Brot“ nachsagen, was die Verkäuferin mir mehrmals vorsprach. Zu guter Letzt ließ sie sich genervt und triumphierend zugleich dazu herab, mir das Brot zu geben. Beim Bezahlen wartete ich gar nicht erst den Preis ab, sondern legte gleich einen großen Geldschein auf den Tresen. Mein Rückgeld bekam ich wortlos, worüber ich sehr erleichtert war. Mit meinem Brot in der Hand warteten am nächsten Stand zwei Flaschen Wasser und eine ähnlich aufgeschlossene Verkäuferin auf mich…

Als ich das Geschäft nach über einer dreiviertel Stunde verließ, waren mir zwei goldene Regeln klar: Erstens, hier waren die Verkäuferinnen König(innen), und zweitens, mit meinen Sprachkenntnissen werde ich ungewollt auf Diät gesetzt.

Also suchte ich krampfhaft nach Alternativen zum Einkaufen. Da gab es die Omas am Straßenrand, die bei Wind und Wetter ihr Obst und Gemüse aus dem Garten verkauften. Ihr Geheimrezept gegen die russische Kälte habe ich nie enträtseln können. Dann waren da die Märkte im Zentrum der Stadt. Hier kauften viele der Einheimischen. In den Blechhütten gab es alles Mögliche, auch frische Lebensmittel, wie Fleisch und Fisch. Aber dazu musste man die genauen Körperteile des Tieres kennen. Außerdem waren mir Fleisch und Fisch ohne Kühlung dann doch zu heikel. Manchmal standen an  Straßenecken fliegende Händler. Sie verkauften ihre Waren gleich von den Transportern. Und schließlich gab es die schicken und teuren modernen Einkaufstempel. Bei einigen „sortierten“  Einlasser am Eingang die Kundschaft vor.

Während ich noch hin und her überlegte, stand ich unerwartet vor einem gut sortierten Spar-Markt. Unglaublich aber wahr:  es handelte sich um ein Franchise-Unternehmen der deutschen Spar-Gruppe. Hier gab es nicht nur alles, was mein verwöhntes westliches Herz begehrte, sondern ich konnte auch so einkaufen, wie ich es aus Deutschland gewohnt war. Das füllte mein Herz mit heimischen Gefühlen und erleichterte das Alltagsleben gewaltig.

Einige Unterschiede gab es aber dennoch. So fragte ich mich zum Beispiel, warum alles was ich in der Hand hielt, gerade dass Verfallsdatum hinter sich gelassen hatte. Wirklich alles – bis auf die gute deutsche Marmelade aus Bad Schwartau. Dann dämmerte es mir. Abgedruckt war nicht das Verfallsdatum, sondern das Produktionsdatum. Erleichtert nahm ich die dritte goldene Regel zur Kenntnis: Die Lebensmittel sind frisch!

Sabine Köllner