Zwischen Wüste und Wirklichkeit (2)

Im April war der Magdeburger Knabenchor auf großer Konzertreise. Die fast 35 Jungen und jungen Männer flogen zu einem Gastchor nach Doha, der Hauptstadt der arabischen Halbinsel Katar. Der Magdeburger Knabenchor unter der Leitung von Frank Satzky zählt zu den renommierten Gesangsensembles Sachsen-Anhalts und freut sich immer über interessierte Nachwuchssänger. Hier schildert der Sänger Peter-Maximilian Schmidt seine Eindrücke.

Museum für Islamische Kunst in Doha.
Foto: dpa

Nun begann der Tag des ersten Konzertes. Angemeldet waren wir für die deutsche Schule in Doha, in der ein Bild des schon nicht mehr amtierenden Bundespräsidenten die Besucher freundlich empfing. Nach der Generalprobe im neuen Raum und der Einstellung auf die ungewohnte Akustik machten wir Bekanntschaft mit dem Doha-Youth-Choir und dem Junior-Choir. Chöre, die sich aus Sängern vieler Erdteile zusammensetzen. Interessant für uns war das Programm des Doha-Youth-Choir voller weltlicher englischer Gesänge, Sprechchören mit Körperrhythmen und solistischen Beiträgen mit orientalischem Einschlag.  Der Magdeburger Knabenchor unter der Leitung von Frank Satzky, am Klavier begleitet durch Leonid Schemetow und solistisch ergänzt durch Gloria-Tabea Badel, bildete einen spürbaren Gegenpol zu diesem ersten Konzertteil, mit nicht minder überzeugend gelungenen Werken der Knaben- und Männerchorliteratur. Dabei war bei der Auswahl der geistlichen Stücke Fingerspitzengefühl gefragt: Wenige Wochen zuvor war dem Doha-Concert-Choir, nach langer Probenarbeit, die Lizenz zur Aufführung von Mozarts berühmtem Requiem entzogen worden, denn das christliche Stück erregte den Unmut der lokalen Behörden.

Insbesondere der Männerchor Magdeburg tat sich als musikalischer Zwischenteil hervor, wohl auch, weil es das erste Männerchorkonzert unter den Katari gewesen sein soll. Von letzteren war jedoch wenig zu sehen, viel eher fanden sich Freunde und Bekannte der deutschen Schule, die sich zwischen den Konzertblöcken munter an dem arabische Köstlichkeiten bietenden Buffet im hinteren Teil des Konzertsaals labten. Konzertdisziplin wie in Europa sei hier eher nicht zu finden, hiess es. Doch die lockere Atmosphäre verlieh dem Anlass einen besonderen Charme, der den Teilnehmern wohl noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Am nächsten Morgen sollte es bereits den nächsten Programmteil geben. So standen wir leicht übermüdet bereits früh in der Turnhalle der finnischen Schule in Doha. Unser Publikum bestand diesmal aus Hunderten Vorschülern und ihren Lehrern. Die Kinder waren aber eifrig dabei, einen Kanon zu lernen und konnten so Chorgesang direkt erleben. Die Stimmung wurde nur noch durch das anschließende Ballspiel mit den Kindern übertroffen, an dem sich auch zwei ältere Mädchen nach anfänglichem Zögern beteiligten. Allerdings machte dabei die unsägliche Hitze das Ballspiel schnell zur Strapaze. Auf der Rückfahrt im Bus gab es dann deutsche Männerchorlieder, an denen sich sogar unser Busfahrer in fremder Sprache beteiligte. Irgendwie seltsam, wenn mitten in der Wüste romantische Lieder von Waldeskühle erklingen.

Der Souq, der Basar von Doha, ist eine kleine Welt für sich.
Foto: dpa

Am Abend gab es dann noch zwei sich völlig widersprechende Eindrücke. Da war die so genannte Perle, ein einfallslos-plumper wie gigantischer Nachbau einer italienischen Stadtbucht, der vor allem gut betuchte Westeuropäer zum Kauf einer Eigentumswohnung anregen soll. Auf dieser künstlich aufgeschütteten Insel schienen alle Regeln, auf die sonst penibel geachtet wurde, außer Kraft gesetzt. Man darf sich fragen, wie lange dieses Disneyland am persischen Golf mehr als eine tote Kulisse bleiben wird, wenn der große Geldstrom der Invrestoren einmal ausbleibt.

Demgegenüber war die nachfolgende Station an Authentizität kaum zu überbieten: Es ging für uns in den Souq, den Basar der Stadt, der eine kleine Welt in sich ist. Sie quoll über mit tausenden von Gesichtern, Gerüchen und Geräuschen. Hunderte Köstlichkeiten säumten die Ränder der Gassen, und noch in deren hintersten Winkeln fanden sich emsig beschäftigte Stoffhändler, mit einer Unzahl feinster Gewebe.  Menschen in weissen Gewändern feilschen um den Preis in einem Laden für wunderschöne Frauenkleider, einige Katari sind mit dem Kauf von Schmuck, Geschmeide oder Lebensmitteln beschäftigt. Das alles wird vom täglichen Abendgebet übertönt.

Die nun folgenden Tage deuteten schon das Ende unserer Reise an. Ein Konzert stand uns noch bevor. Zuvor gab es jedoch einen leider viel zu kurzen Abstecher in das Museum für islamische Kunst. Ein monumentaler Bau, dessen vielschichtige Konturen aus edlem Stein an eine iberische Seefestung erinnern. Das ambitionierte Projekt, hier Kunstschätze aus eineinhalb Jahrtausenden und drei Kontinenten in einem, durch den Islam geeinten Kulturraum, zu präsentieren, ist den Kuratoren nicht gelungen. Die kalligraphischen Schätzen und Meisterwerke der Ornamentalkunst wirken  unzusammenhängend. Eine gelungene Zusammenschau und Einordnung der Ausstellungsstücke, die von der chinesisch-islamischen Tonkunst bis zu iberischer Grabarchitektur reichen, sucht man hier leider vergebens. Der Islam wirkt in dieser Ausstellung keineswegs geeint, sondern so fragmentiert, wie wir ihn heute kulturell wie politisch wahrnehmen.

Das abendliche Konzert zu Ehren unserer Gastgeber und Sponsoren, eines luxuriösen Hotels, bildete einen wirkungsvollen und schönen ersten Abschluss unserer Reise. Die Abendgesellschaft, die nun auch aus einigen Katari bestand, hatte allerdings auch nichts mit der gewohnten europäischen Konzertdisziplin zu tun. Man isst und trinkt, unterhält sich. Tatsächlich einige Katari zu sehen, ist keineswegs selbstverständlich. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Katar sind Einheimische, die in der Regel mehr oder weniger der Familie des Alleinherrschers nahe stehen. Sie haben leitende Positionen und verwalten auf undurchsichtige Weise die Staatsgelder.

Der scheinbar krönende Abschluss unserer Reise bestand in einer Wüstenfahrt mit Geländewagen. Die halsbrecherische Sorglosigkeit unserer Fahrer entsprach genau dem Lebensgefühl dieses Landes. Begriffe wie Nachhaltigkeit, Weitsicht, Gerechtigkeit sind Fremdworte, müssen dem spielerischen Statusgehabe einiger Privilegierter weichen. Stattdessen gibt es die brutale Ausbeutung derer, die nicht dieser Gesellschaftsschicht angehören. So findet man selbst weit draussen zwischen riesigen Sanddünen in der scheinbar so endlosen Wüste noch Plastikteile, Flaschen und dergleichen. Das sind die Spuren der rasant wachsenden Stadt am persischen Golf und ihrer weit ausserhalb gelegenen Arbeiterbaracken. Nach einer Nacht im Wüstenzelt am Meer, mit Blick auf das saudische Spiegelbild Katars, Dubai, kam der Abschied von der arabischen Halbinsel. Gerde noch rechtzeitig, denn einige Wochen später wäre das bei der jetzigen Situation in  Katar schwierig geworden. Nach einigen Stunden Flug waren wir wieder in der schlichten Realität des Flughafen Tegel, im Kopf Bilder eines faszinierenden und doch so befremdlichen Landes, irgendwo zwischen Wüste und Wirklichkeit.

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