In ganz Europa sind die Unfallstatistiken ähnlich hoch. Deshalb sollen ab 2015 alle in der EU zugelassenen Neuwagen mit einem automatischen Notrufsystem, dem sogenannten eCall, ausgerüstet werden. Die Öffentlichen Versicherungen Sachsen Anhalt (ÖSA) und mehrere andere öffentliche Versicherer in Deutschland bieten mit dem Copiloten bereits jetzt ein System an, welches Unfälle erkennt und sofortige Hilfe verspricht. Wir fragten Hans-Jörg Kurth, Abteilungsdirektor Kfz-Versicherungen bei der ÖSA, wie der Copilot funktioniert, und was er alles kann.

aspekt: Wie funktioniert die neue Technik?
Hans-Jörg Kurth: Herzstück des Copiloten ist eine kleine, kaum handflächengroße Box. Sie wird von einem führenden Anbieter und Entwickler von Telematiklösungen, der Octo Telematics mit Sitz in Rom, hergestellt. In dieser Box befindet sich ein Aufprall-Sensor, der die beieinem Unfall entstehenden Kräfte misst und aufzeichnet. Zusätzlich ist ein GPSEmpfängervorhanden, mit dem die genauen Positionsdaten bestimmt werden. Über das Mobilfunknetz werden diese sowie ein Datenpaket mit Unfalldaten und Angaben zum Fahrzeug einschließlich hinterlegter Mobilfunknummer des Halters unmittelbar nach einem Unfall an die Notrufzentrale der Deutschen
Assistance Telematic GmbH übermittelt. Das ist ein Dienstleister der deutschen öffentlichen Versicherer.
aspekt: Was passiert, wenn ein Unfall durch den Copiloten registriert wird?
Hans-Jörg Kurth: Die Mitarbeiter in der Notrufzentrale sehen die eingegangenen Unfalldaten. Wenn der registrierte Aufprall nicht viel stärker war als vier g (g ist die Maßeinheit der Erdbeschleunigung),dann wird zunächst versucht, den Fahrer über die hinterlegte Mobilfunknummer zu erreichen und zu fragen, ob er Hilfe benötigt. Gelingt das nicht, oder zeigen die Daten einen vermutlich schweren Unfall, wird durch die Notrufzentrale die dem Unfall nächstgelegene Rettungsleitstelle alarmiert. Diese schickt einen Rettungswagen zum Einsatzort, ausgerüstet mit exakten GPS-Koordinaten bzw. Adressangabensowie der Information über
die vermutliche Schwere des Unfalls. Besitzt der Kunde eine Autoversicherung mit Werkstattservice, organisiert die Notrufzentrale zudem alles nötige, umden Wagen wieder flott zu machen.
aspekt: Sie bieten den Copiloten bereits jetzt an, obwohl die EU die Autohersteller erst ab 2015 für Neuwagen in die Pflicht nehmen will.
Hans-Jörg Kurth: Da die Technik bereits vorhanden ist, wollen wir den ÖSAVersicherten jetzt schon dieses oft lebensrettende System anbieten. Und das nicht nur für neue oder höherwertige Fahrzeuge, sondern für alle.
aspekt: Kann der Copilot denn in jedes Fahrzeug eingebaut werden?
Hans-Jörg Kurth: In jedes. Der Vorteil des Copiloten besteht darin, dass in ihm die gesamte benötigte Technik bereits vorhanden ist. Dadurch ist die Installation nicht von der Grundausstattung des Fahrzeugs abhängig. Die kleine Box lässt sich problemlos im Fahrzeugraum versteckt unterbringen. Jeder Pkw, aber auch Lkw und bald sogar Motorräder lassen sich damit ausrüsten. Das bestätigt
auch das Zertifikat des TÜV Süd.
aspekt: Was bringt ein solches Notrufsystem in Zahlen ausgedrückt?
Hans-Jörg Kurth: Studien der EU gehen davon aus, dass mit modernen Notrufsystemen in Europa jährlich 2500 Menschenleben gerettet werden können. Durch das sofortige Melden eines Unfalls kann die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungsdienste drastisch reduziert
werden. Pilotversuche zeigten, dass in ländlichen Gegenden nur noch halb so lang auf ärztliche Versorgung gewartet werden muss. Im Stadtgebiet verkürzt sich die Wartezeit um 40 Prozent.
aspekt: Gibt es neben dem Notruf noch andere Funktionen im Copiloten?
Hans-Jörg Kurth: Ja, und zwar sehr praktische. Durch die im Copiloten vorhandene GPS-Technik ist dem Kunden auch die Ortung seines Autos im Falle eines Diebstahls möglich. Nach seiner Diebstahlanzeige bei der Polizei und einem Anruf bei der Notrufzentrale wird der Copilot von außen aktiviert und sendet ab diesem Moment seine Position.
Die Information wird danach an die Polizei weitergeleitet. Zusätzlich ist eine Fahrtenbuch-Funktion möglich. Informationen
zu durchgeführten Fahrten können im persönlichen Webportal angesehen und heruntergeladen werden.
Mehr als 370 000 Menschen verunglückten im Jahr 2010 in Deutschland bei Verkehrsunfällen. Laut statistischem Bundesamt wurden dabei 3657 Menschen getötet. Viele von ihnen würden heute noch leben, wäre rechtzeitig Hilfe vor Ort gewesen.