Das Sommerhalbjahr ist zu Ende. Für die vier jungen Leute, die auf einer Alp in mehr als 2000 Meter Höhe in der Schweiz monatelang Kühe gehütet, gemolken, Käse gemacht und allerhand Abenteuer erlebt haben, gehen arbeits- und entbehrungsreiche Monate zu Ende. Ulrike Steingräber, Journalistin und Käserin mit Erfahrung, war nun schon zum achten Mal im Sommer oben in den Schweizer Alpen. Für aspekt hat sie in drei Folgen vom Auftrieb und Einrichten, vom Leben ohne Handy, Laptop und warmem Wasser und nun vom Abtrieb und Abschied berichtet. Heute Folge 3 und Schluss.

Besuch für mich: meine Schwester und mein Vater kommen. Das heißt Abwechslung auf der Alp, Hilfe bei der Arbeit, andere Gesichter und andere Gesprächsthemen. Und abends melkfrei für mich, weil Katrin für mich melkt … toll!

Und wieder ein ganz normaler Morgen: Aufstehen um 5 Uhr, Feuer machen, Milch heizen und Käse aus den Formen nehmen. Doch plötzlich steht Martin, der Hirte, in der Tür, Blut im Gesicht und an den Händen, zerrissene Sachen und blass. Beim Überqueren eines Schneefelds sei er etwa 30 Meter in die Tiefe abgerutscht. Martin muss dringend ins Krankenhaus. Meine Schwester, die zum Glück schon selbst fünfmal mit in den Bergen war, muss käsen. Ich fahre Martin mit unserem Geländetransporter, der seine besten Zeiten bei der Schweizer Armee hatte, nach Grengiols ins Tal.

Der Rückweg bergauf ist dann wohl auch dem Pinzgauer zuviel, denn zwei lange Kurven vor dem Ziel macht er schlapp. Ich muss nun den Rest des Weges bergauf zu Fuß weiter.

Dann noch so ein Tag. Nebel, Regen, Kälte. Da kommt eine Frau, die in der Nähe der Weideflächen eine Hütte hat, und sagt, dass sie zwei abgestürzte Kühe gesehen habe.

Die toten Tiere abzutransportieren ist unmöglich. Ein Hubschrauber soll sie wenigstens bis zur Straße fliegen. Mein Besuch verabschiedet sich. Nun muss ich mich mit 750 Käsen wieder allein im Keller durchschlagen.

Man merkt, dass es bald Herbst wird. Die Tage sind zwar sonnig und warm, die Nächte dafür umso kälter. Schließlich sind wir auf 2300 Meter, und es ist Ende August. Das Aufstehen bei Minusgraden ist alles andere als romantisch. Und dann ist auch schon der Schnee da, zwar noch nicht viel, aber der Sommer geht dem Ende zu.

Man denkt, die letzten Tage vergehen wie im Flug, das ist aber nicht so. Alles zieht sich irgendwie in die Länge, und wir Älpler sind um jeden Tag froh, der geschafft ist. Jeder von uns sehnt sich nach nach zu Hause, nach einer langen Dusche, nach Ausschlafen. Zu erzählen gibt es kaum noch was nach zehn Wochen auf engstem Raum. Auch die Gespräche haben sich verändert: Es geht weniger darum, was war, als vielmehr, was danach kommt, was man machen will, wohin man reisen will, was man als erstes macht oder worauf man sich am meisten freut.

Der letzte Alptag ist der 10. September. Eigentlich ist es kein normaler Alptag – Aufbruchstimmung herrscht, und morgen haben es alle geschafft. Morgen ist Abtrieb und man kehrt zurück in die Zivilisation. Meine letzte Fahrt zum Käsekeller, Käse schmieren und insgeheim Ciao sagen, denn ab nun gehört der Käse den Bauern. Schnell mache ich noch ein paar Fotos von meinem ganzen Stolz: 800 goldgelbe Käselaibe zwischen zwei und acht Kilo schwer, vier Tonnen insgesamt, alle von Hand geschmiert, von Hand verschöpft, jeden Einzelnen.

Der Abtrieb. Es ist fast geschafft. Melken und dann das letzte Mal käsen. Wieder ist ein Alpsommer vorüber. ein komisches Gefühl. Alle Bauern und ihre Familien trudeln so langsam am Vormittag ein, bauen noch die letzten Zäune ab, räumen auf und sammeln sich so langsam auf dem Felsen vor der Hütte, um zu essen. Wir Älpler packen inzwischen unsere Sachen, laden diese in die Jeeps der Bauern ein und warten darauf, dass es losgeht. Mittags ist es dann soweit: Das Holztor wird geöffnet und die ersten Tiere laufen die Alpstraße runter. Wie eine Karawane reiht sich ein Tier nach dem anderen ein, bis alle 120  auf dem Weg sind. Vier Stunden Fußmarsch, vorwiegend bergab in zügigem Tempo, warten auf uns. Wer vor den Tieren geht und die schallenden Glocken im Rücken hat, hört diese am nächsten Morgen noch! Die letzten Kilometer durch Grengiols auf Asphalt sind die Schlimmsten. Die Füße schmerzen, man hat Hunger, die Tiere werden langsamer und die Sonne gibt einem den Rest. Aber: Man will ja seine Tiere noch heil bei den Bauern abliefern. Also heißt es durchhalten, bis „das liebe Vieh“ und man selbst im Stall angekommen ist.

Viele fragen mich, ob es ein guter Sommer war. Ich denke, wir haben den Sommer, so gut es ging, gemeistert, waren aber nicht vom Pech verschont. Vier abgestürzte Tiere und ein Transporter, der nur noch Schrott ist, aber auf der anderen Seite haben wir vier Tonnen tollen Käse gemacht, 77 Tage versucht, unser Bestes zu geben und 120 Tiere heil wieder den Berg hinuntergebracht, das darf man auch nicht verschweigen.

Nach acht Sommern dort oben, wird man doch ein wenig wehmütig, wenn es dem Ende zugeht. Man ist froh, dass es geschafft ist, und nach ein paar Tagen unten im Dorf will man schon fast wieder hoch. Die Probleme, die man oben hat, sind einfach anders: Dort macht man sich Gedanken darüber, wie das Wetter wird, welche Kuh krank ist, wo welche Zäune gebaut werden müssen, warum das Rind schon wieder durch den Zaun geschlüpft ist und warum der Zusenn das Geschirr schon wieder nicht gespült hat. Man hat kaum Zeit, sich um anderes zu kümmern. Ist man erst unten, muss man anfangen, sich wieder selbst zu organisieren, seinen Tag zu planen. Postberge und Rechnungen warten, man ist nun wieder für alles selbst verantwortlich. Da fällt die Umstellung manchem schwer.

Viele Leute fragen jetzt natürlich, ob ich noch einen Sommer mache: „Mal schauen, das entscheide ich im Frühling, wenn der Schnee auf  Furggen zu schmelzen anfängt – oder auch schon eher?!?“