Das Spiel um die Tragödie war die Tragödie

Es zählt wohl zu den heikelsten Vorhaben eines Regisseurs, Goethes „Faust“ zu inszenieren. Nicht nur, dass ganze Zuschauergenerationen Textpassagen zitieren können, sondern es existiert eine Unmenge an Literatur über Deutung, künstlerische Analysen, gelungene und weniger gelungene Versuche, die „Tragödie erster Teil“ auf die Bühne zu bringen. Um sich da einzureihen, bedarf es vor allem eines stattlichen Selbstbewusstseins und guten Mutes. Beides hatte Martin Nimz (Regie) für die Inszenierung am Magdeburger Schauspielhaus, aber das dürfte dann auch schon das einzig Lobenswerte gewesen sein.
Immerhin hat sich in Magdeburg seit zehn Jahren niemand an den „Faust“ gewagt. Aus gutem Grund. Die Tragödie des vom unersättlichen Erkenntnisdrang getriebenen Gelehrten, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um auch die letzten Geheimnisse von Himmel, Erde und Hölle zu ergründen, ist das Lebenswerk Goethes. 60 Jahre plagte er sich mit dem Stoff, den er als 24jähriger junger Mann aufgriff und erst im hohen Alter zu einem Ende brachte, ohne das Thema je vollends abzuschließen. Dieser Erkenntnisdrang macht den Menschen zum Menschen und zerstört ihn gleichzeitig. Das war bei Sokrates so, das ist beim „Faust“ so und das wird auch in den nächsten tausend Jahren so sein.

Und da es dem Menschen immanent ist, hat es in dieser Zeit auch nichts an Aktualität verloren. Das macht jede Inszenierung so schwierig, denn man muss nichts in gängige Sprachformen „übersetzen“ (angesichts der Sprachgewalt Goethes von vornherein zur Erfolglosigkeit verdammt), man muss nicht ergründen, was und warum uns der Dichter dieses oder jenes sagen wollte, alles Quatsch. Man muss ihn einfach nur lesen.
Darauf wollte sich die Magdeburger Inszenierung allerdings nicht beschränken. Auf Seite 13 des Programmheftes heißt es dann auch: „ ´Faust´ spielen im Sinne Goethes bedeutet für uns: in der Vorbereitung und in den Proben den Text spielerisch zu untersuchen, was er uns – 200 Jahre nach seiner Entstehung – zu sagen hat.“ Da ist er, der überhebliche Anspruch des modernen Menschen, zu „übersetzen“, was gemeint gewesen sein könnte. Nicht nötig kann man da nur sagen, es sei denn, man ist besser als Goethe. Das war aber nicht der Fall.
Unter den sich redlich mühenden Schauspielern, die durch unmotiviertes Schreien offenbar eine Dramatik erzeugen sollten, die sich bei deutlicher Artikulierung des Textes von selbst ergeben hätte, hat Axel Strothmann als Mephisto am ehesten überzeugt. Abgesehen von einer starken Schlussszene mit der verwirrten Grete und dem bereuenden Faust im Kerker, geriet die Szenerie stellenweise zu einer kabarettistischen Komödie. Aber auch diese konzeptionelle Linie, wenn es denn eine war, aus der Tragödie eine Komödie zu machen, wurde nicht durchgehalten.
So gesehen bleibt vom neuen „Faust“ nach zehn Jahren nur der Vers 1338ff. „Ich bin der Geist der stets verneint!/ Und das mit Recht; denn alles was entsteht/ ist wert daß es zu Grunde geht“.

Rolf-Dietmar Schmidt