Die Nuklearenergie hat ihr einstig gutes Image verloren. Der zerplatzte Traum von unerschöpflicher, nachteilsloser Energie für alle ist eine der treibenden Kräfte hinter den Erneuerbaren Energien in Deutschland. Grund gibt es genug: Seit den ersten kommerziellen Atomreaktoren in den 1950er Jahren gibt es bis heute noch keine Lösung zur Endlagerung von Atomabfällen. Viel schwerer wiegen noch die nuklearen Katastrophen, allen voran Tschernobyl und Fukushima, die verheerende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt bis in die Zukunft hinein haben.

Auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) nehmen die beiden Super-GAUs die höchste Stufe 7 ein. Sie ist nur die Spitze des Eisberges, denn die darunterliegenden Stufen sind zahlreich besetzt – Unfälle, die wahrscheinlich nur wenigen bekannt sind, wie beispielsweise das Feuer von Windscale in Großbritannien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Vereinigte Königreich damit zu kämpfen, seine ehemalige Vormachtstellung in der Welt aufrecht zu erhalten. Als Mitgestalter der Atomforschung und der Konstruktion der ersten Atombombe wollte man als Atomnation mithalten und die US-Amerikaner beim Bau einer Wasserstoffbombe bestenfalls abhängen. Mitte der 1950er Jahre arbeiteten die USA und die Sowjetunion an einem Nukleartestverbot und der atomaren Abrüstung. Um bis zum Inkrafttreten dieser Abkommen mit der weltweit stärksten Atomwaffe aufwarten zu können, veranlasste Premier Winston Churchill die schnellstmögliche Produktion einer Wasserstoffbombe. Der Großteil des dafür benötigten Isotops Tritium wurde deshalb aus Zeitmangel in dem nicht für dessen Produktion vorgesehenen Kernreaktor Windscale im nordwestenglischen Cumbria produziert.

Die Zeit war knapp. Und so wurden sämtliche Sicherheitsmaßnahmen über Bord geworfen — soweit, bis Mitarbeiter aus Protest ihre Arbeit niederlegten und der Reaktorkern aus Graphit letztlich Feuer fing. Alle Gegenversuche heizten das Feuer nur noch weiter an, bis den verzweifelten Ingenieuren am Ende nur noch Wasser zum Löschen einfiel. Davon pumpten sie so viel in den Kern, bis er komplett geflutet war — was er bis heute ist und wahrscheinlich bis zum geplanten Rückbau 2037 auch noch sein wird.

Die Hintergründe anderer Stör- und Unfälle lesen sich nicht anders: die meisten und schwersten der in der INES-Skala aufgeführten Vorfälle sind Folgen menschlichen Versagens, technischer Unkenntnis, fahrlässigen Verhaltens und politischer Inkompetenz. Wie im Falle Windscale hat bis heute mehr Glück als Verstand dafür gesorgt, dass die INES-Stufe 7 nicht noch mehr Katastrophen zählt.