Dieser Artikel ist der zweite Teil des Berichts „Digitalisierung kann Ärzte nicht ersetzen“ über den momentanen Stand des Gesundheitssystems in Sachsen-Anhalt und Deutschland. Den kompletten Bericht finden Sie auch in der Februar-Printausgabe von aspekt.  

Die Digitalisierung schreitet auch im Gesundheitswesen voran und verspricht Patienten, medizinischem Personal und Ärzten jeweils Zusatznutzen, Verbesserung von Service, Komfort oder Arbeitserleichterungen. Gelegentlich glaubt man auch, dass mit Telemedizin Versorgungslücken geschlossen oder sogar Versorgungsprobleme dauerhaft gelöst werden könnten. Doch das ist vielfach Wunschdenken, war von Dr. Burkhard John, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt zu vernehmen.

Es sei deutlich spürbar, dass Bundesgesundheitsminister Spahn die Digitalisierung im Gesundheitswesen maßgeblich voranbringen möchte. „Das ist auch richtig und gut so, denn die nähere Betrachtung so mancher Prozesse im Gesundheitswesen führt schon zu leichtem Kopfschütteln. Da wird beispielsweise ein Entlassungsbrief im Krankenhaus als digitales Dokument erzeugt, dann ausgedruckt, mit der Post in die Praxis geschickt und dort wieder eingescannt, um ihn wieder digital im Praxisrechner verfügbar zu haben“, erklärte er. Solche Beispiele böten sich beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen als Regelungsmasse an.

Deutlicher wird John bei dem Zweifel am Anspruch, mit technischen Prozessen der Digitalisierung die Erwartung zu verknüpfen, weitgehend Versorgungsprobleme zu lösen. Dies sei für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt mit zunehmend steigendem Altersdurchschnitt der Bevölkerung und dem fehlenden ärztlichen Nachwuchs sowie zu erwartenden Versorgungsproblemen ein wichtiges Thema.

Aber: „Können die vom Gesetzgeber angestoßenen telemedizinischen Projekte, wie die elektronische Patientenakte der Krankenkassen oder das elektronische Rezept, bei der Bewältigung dieses elementaren Problems helfen?“, fragt er und antwortet „Ja und nein“. Diese Entwicklungen können Patienten, medizinisches Personal und Ärzte unterstützen, mehr aber auch nicht. Medizinische Versorgung wird auch in Zukunft nicht ohne Ärzte auskommen. Künstliche Intelligenz werde auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, die Aufgabe von Ärzten zu übernehmen.

Das Thema Digitalisierung in der medizinischen Versorgung der Patienten nahm auf der Veranstaltung breiten Raum ein.

Kritisch sehen die Ärzte den zunehmenden Trend, dass bei Krankheiten zuerst „Dr. Google“ zu Rate gezogen wird. Häufig kommen dann Patienten mit fertigen Diagnosen, die sie sich selbst per Internet erstellt haben.
Digitale Medien, Apps und Online-Angebote werden zunehmend genutzt, auch im medizinischen Bereich und nicht nur von Jüngeren. Die damit erreichbare Menge an Informationen, auch falschen, führt häufig zu einer Informationsüberflutung. Daraus entstehen schnell Verunsicherungen und Ängste, die nicht begründet sind. Mit einer geeigneten App selbst die mögliche Diagnose für sich zu finden, kann Ärzte entlasten, kann aber auch dazu führen, dass verunsicherte Patienten von eventuellen Fehleinschätzungen überzeugt werden müssen. Hinzu kommt, dass sie dadurch unter Umständen zusätzliche und auch teure Diagnostik in Anspruch nehmen wollen, die objektiv nicht erforderlich ist.

Bei dieser Facette der Digitalisierung wird künftig das Für und Wider genau abgewogen werden müssen, und es sind auch neue Wege des Zusammenwirkens von Arzt und Patient zu entwickeln.

Der sorgsame Umgang der Menschen mit den Gesundheitsdaten wird weiter an Bedeutung gewinnen. Wenn jeder Versicherte einer Krankenkasse bis zum Jahre 2021 die Möglichkeit der Nutzung einer elektronischen Gesundheitsakte bekommen soll, wie es die aktuelle Gesetzgebung vorsieht, dann ist es wichtig, dass diese Daten sicher übertragen und gespeichert werden und die Besitzer dieser Daten, nämlich die Versicherten, verantwortungsvoll damit umgehen. Es kann Vorteile haben, wenn bestimmte medizinische Befunde oder der Medikationsplan immer und überall verfügbar sind, aber für die Übertragung dieser Daten muss es einheitliche Standards geben.

Wenn allerdings nicht kompatible Schnittstellen zu einem zusätzlichen Aufwand in den Praxen führen, wird keine Verbesserung der Versorgung erreicht, sondern Zeit für die Patientenversorgung vergeudet. Der Arzt muss sich auch darauf verlassen können, dass die Daten in der elektronischen Patientenakte nicht verändert werden können oder unvollständig sind, ansonsten wird keine Verbesserung gegenüber der heutigen Verwendung analoger Informationen erreicht und kein Problem vermieden.