Wie lange kann ein durchschnittlicher Mensch im Freibad unter Wasser die Luft anhalten? 25 Sekunden? So eine knappe halbe Minute kann einem in einer solchen Situation enorm lang vorkommen.

Die meisten werden vermutlich nicht mal das schaffen. Um so erstaunlicher ist es, dass uns exakt so viele Sekunden zwischen 1972 und 2016 „geschenkt“ wurden. Am 31. Dezember 2016 war es erneut so weit, da wurde wieder eine so genannte Ausgleichssekunde eingeführt, die 27. in den letzten 47 Jahren.

Genau genommen ist es gar nicht möglich, eine Sekunde Zeit hinzuzufügen. Niemand hat Macht oder Gewalt über die Zeit. Sie entsteht nicht, und sie vergeht nicht. Trotzdem.  In der Physik ist sie eine entscheidende Größe, von der Biologie ganz zu schweigen, wo sie unser aller Anfang und Ende festlegt.

Man kann die Zeit lediglich einteilen, um sie dann zu messen und rechnerisch damit zu operieren. Sie gehört keinem, ist also nur eine Messgröße. Niemand kann folglich Zeit stehlen oder vergeuden. nutzen oder vertrödeln. Wir konstruieren aus ihr lediglich einen fiktiven Rahmen, um unsere scheinbare Effizienz zu ermitteln, ohne zu bemerken, dass wir uns damit in eine selbst gebaute Gefängniszelle menschlicher Freiheit einsperren. 

Und dennoch: Irgendwie sind die Menschen bestrebt, ihre Messgröße mit der Bewegung der Gestirne in Übereinstimmung zu bringen. Wir sind an die Längen von Tag und Nacht gewöhnt, die innere Uhr ist darauf eingestellt. Also soll alles so bleiben, wie es ist. Aber die scheinbar unerschütterlich am Firmament glitzernden Sterne sind durchaus nicht so exakt, sich genau daran zu halten, dass der Erdentag 24 Stunden, die Stunde 60 Minuten und die Minute 60 Sekunden hat.

Die Erde selbst ist ein typisches Beispiel dafür. Nicht nur, dass sie gar keine Kugel ist, sondern eher die Form eine Kartoffel hat; dass sie nicht exakt um sich selbst rotiert, sondern eher trudelt, sich dabei auch noch mal schneller und mal langsamer dreht. Gerade so, wie eine große Kugel, der man viel Schwung mitgegeben hat, den sie allerdings bergauf allmählich verliert.

Im Moment hat sie zwar mal wieder etwas an Geschwindigkeit zugelegt, das ist aber allenfalls ein Zwischenspurt, denn die alte Erde ist langfristig gesehen schon ganz schön müde geworden. Ursachen gibt es dafür jede Menge. Mal sind es Erdbeben, die die Stellung der Achse verändern, mal sind es die Gezeiten, die das Wasser der Ozeane wie in einer Schüssel hin- und her schwappen lassen, mal ist es der unrunde Lauf, der ebenfalls bremst.

Mit anderen Worten: Unsere schöne genaue Zeiteinteilung passt nicht auf die ungenauen Drehungen und Umläufe, so dass immer wieder Korrekturen nötig sind. Am 31. Dezember vor gut zwei Jahren war nun wieder so eine Korrektur fällig: eine Sekunde plus.

Lässt man die Gedanken mal in weit entfernte Zukunft schweifen, dann haben Generationen nach uns vielleicht einmal einen 25-Stunden-Tag, weil man mit der Masse an Schaltsekunden und -minuten nicht mehr zurechtkommt. Und was wird dann aus dem Sachsen-Anhalt-Slogan „Wir stehen früher auf“, wenn die Tage immer länger werden? Langsamer arbeiten, um die verlängerte Zeit zu füllen? Warum das Renteneintrittsalter verlängern, wenn die Zeit bis zur Rente sowieso immer länger wird?

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstehen, weil man es ganz genau wissen will, weil wir die Zeit in immer kleinere Teile zerlegen, um immer schneller und effizienter zu werden. Während unser Planet sich allmählich entschleunigt, werden die Menschen auf ihm immer hastiger. Und dabei ist gar nicht sicher, ob wir mit der „gewonnenen“ Zeit auch das Richtige anfangen. Zweifel sind angebracht.

Wer mit dem Sonnenaufgang aufsteht und mit den Hühnern schlafen geht, dem kann es ganz egal sein, ob die alte Erde nun noch mal Gas gibt oder bremst. Aber wer hat schließlich noch Hühner…